Liebe Trader, liebe Börsenfreunde,
Mit einer Wochenperformance von -0,3 % endete im S&P 500 in der vergangenen Handelswoche eine dreiwöchige Gewinnserie, die den Index auf neue Allzeithochs steigen ließ. Nach dem zweitschnellsten Bärenmarkt aller Zeiten (zwischen dem Rekordhoch vom 19. Februar und dem Intraday-Tief am 7. April verlor der S&P 500 binnen nur 34 Handelstagen 21 %; schneller ging es nur während des Covid-Crashs 2020) folgte eine ebenso rekordverdächtige Recovery-Rally: Vom Tief am 7. April bis zum neuen Allzeithoch am 27. Juni vergingen gerade einmal 56 Handelstage. Laut Dow Jones Market Data war das die schnellste Rückkehr auf ein neues Allzeithoch nach einem Drawdown von mindestens 15 %.
Auch das Ausmaß der Rally seit Anfang April war historisch: +31 % in nicht einmal drei Monaten. Die prozentuale Erholung ist eine der fünf stärksten bzw. schnellsten Rallys seit 1950. Die treibenden Faktoren hinter der Aufwärtsbewegung waren u.a.:
- eine explosionsartige Nachfrage nach KI-Hardware und -Software – allen voran der Rekordlauf von Nvidia, dessen Börsenwert kürzlich die Marke von 4 Billionen USD überschritt;
- ein temporäres Aufatmen im Handelskonflikt, nachdem Präsident Trump Anfang April einen 90-tägigen Zollaufschub verkündet hatte und die Börsen daraufhin ihre stärkste Tagesrally seit Jahrzehnten zeigten;
- überraschend robuste US-Arbeitsmarktdaten, die Rezessionssorgen dämpften;
- sowie die Aussicht auf erste Fed-Zinssenkungen im weiteren Jahresverlauf, sofern der durch die Zölle bedingte Inflationsdruck moderat bleibt.
Technologie und zyklische Sektoren führen Rally an
Seit dem Beginn der Rally am 7. April zählen hauptsächlich Aktien aus den zyklischen Marktsektoren des S&P 500 zu den führenden Titeln. Der folgende Performance-Chart zeigt die absolute Performance der elf Marktsektoren des S&P 500 auf Tagesschlusskurs-Basis vom 7. April bis zum 11. Juli.

Während der S&P 500 (SPY) 24,01 % anstieg, konnten die offensiven Sektoren Consumer Discretionary und Communication Services mit rund 23 % (Consumer Discretionary) bzw. 22 % (Communication Services) mit dem Index in etwa mithalten. Der Technologie-Sektor war mit einer Performance von + 39.69 % der mit Abstand stärkste Sektor, gefolgt vom ebenfalls pro-zyklischen Sektor Industrials mit einem Anstieg von 28,34 %.
Die defensiven Sektoren Consumer Discretionary, Health Care und Utilities sind zwar auf absoluter Basis ebenfalls im Plus, blieben aber hinter der Entwicklung des S&P 500 teils deutlich zurück. Noch besser erkennen lässt sich das bei der Betrachtung des relativen Performance-Charts (siehe unten), der die Differenz der Performance der einzelnen Marktsektoren zum S&P 500 darstellt.

Die eben dargestellte Sektoren-Rotation (Kapitalabflüsse aus defensiven Sektoren und -zuflüsse in offensive Sektoren) ist ein sehr typisches Zeichen für eine zunehmende Risikobereitschaft unter Investoren und tritt für gewöhnlich nur in Bullenmärkten auf. Solange die relative Stärke der offensiven Marktsektoren anhält, stehen die Chancen auf eine Trendfortsetzung des primären Aufwärtstrend sehr gut.
Marktbreite hellt sich auf
Neben der Analyse der Sektorenrotation liefern alle wichtigen Marktbreite-Indikatoren ebenfalls bullische Signale. Die Advance-Decline-Line stieg bereits vor einigen Wochen auf neue Hochs an. Auch die Anzahl an Aktien mit neuen 52-Wochen-Hochs im Vergleich zur Anzahl an Aktien mit neuen 52-Wochen-Tiefs befindet sich eindeutig in bullischem Territorium.
Dass der Aufwärtstrend von der breiten Masse aller Aktien im S&P 500 getragen wird, lässt sich zudem bei einem Blick auf den folgenden Chart erkennen, auf dem Sie sehen, dass mittlerweile mehr als 62 % aller Aktien im S&P 500 über der SMA 200 notieren.

Markt kurzfristig überkauft
Sowohl die Price Action als auch die Analyse der Sektorenrotation und der Marktbreite sprechen ganz klar für eine Fortsetzung des Bullenmarktes. Das soll allerdings nicht heißen, dass es nicht auch kurzfristige Korrekturen geben kann, insbesondere nach einer so starken Rally, wie wir sie in den letzten drei Monaten sahen.
In den letzten beiden Wochen erreichte der Anteil der Aktien im S&P 500, die über der SMA 20 notieren, die 80-Prozent-Marke. Wie sie auf dem Chart unten sehen, war dies in den letzten anderthalb Jahren häufig ein Signal, das vor einer kurzfristigen Korrektur auftrat. Der RSI (10) befindet sich ebenfalls auf einem überkauften Niveau. Dass der S&P 500 in dieser Situation bislang nur moderat konsolidiert und keine nachhaltige Korrektur auf der Preisebene auftritt, kann als weiteres Signal der Stärke interpretiert werden.

Saisonaler Gegenwind im August und September möglich
Die aktuelle Aufwärtsbewegung im S&P 500 und das Erreichen von neuen All Time Highs gehen einher mit einem saisonalen Aufwärtstrend. Der Juli war in den letzten 20 Jahren der stärkste Monat für den Index. In 80 % aller Fälle endete der Juli positiv, bei einer durchschnittlichen Performance von 2,4 %.
Mit dem August und September stehen allerdings zwei der schwächsten Monate des Jahres unmittelbar bevor.

Fundamentaler Ausblick
Mitte Juli startet die Berichtssaison mit den Ergebnissen der Großbanken (u. a. JPMorgan, Bank of America, Goldman Sachs). Besonders im Fokus dürfte dabei der Blick auf die Margen stehen, sowie die Guidance und Aussagen zu den Kostenwirkungen der Zölle. Gleichzeitig läuft das Ultimatum bis 1. August für die von Trump angedrohten 30-Prozent-Importzölle auf Waren aus der EU und Mexiko. Darüber hinaus rücken das FOMC-Meeting am 30./31. Juli sowie die Veröffentlichung der Juni-CPI-Daten am 17. Juli in den Fokus. Letztere dürften wohl entscheiden, ob die von mehreren Fed-Vertretern in Aussicht gestellte erste Zinssenkung im September Realität wird.
Autor: Tobias Schmid
Datum: 14.07.2025
