Lieber Trader, liebe Börsenfreunde.
Nach der Korrektur der Aktienmärkte während der Sommermonate, sehen wir seit Anfang November eine fulminante Kursrally mit starkem Momentum. Der S&P 500 stieg quasi ohne Verschnaufpause rund 500 Punkte bzw. 12 % an.
Was den Markt aktuell antreibt
Eine der wichtigsten treibenden Kräfte hinter der Aufwärtsbewegung, ist die geänderte Erwartungshaltung von Investoren bezüglich der Zinspolitik der amerikanischen Notenbank FED. Bisher galt “Higher for Longer” als ein wahrscheinliches Szenario, d.h. die Annahme, dass die Notenbank die Zinsen für einen längeren Zeitraum auf höherem Niveau belässt, und nach dem Zineserhöhungs-Zyklus nicht sofort wieder beginnen wird, die Zinsen zu senken. Grundsätzlich können hohe Zinsen einen Belastungsfaktor für Aktienmärkte darstellen, wohingegen tiefe Zinsen bzw. eine lockere Geldpolitik den Markt antreiben.
Zinssenkungen bereits 2024
Um die Erwartungshaltung des Marktes bezüglich der Zinspolitik der FED quantifizieren zu können, gibt es ein sehr nützliches Tool: Das Fed Watch Tool der CME. Basierend auf den Preisbewegungen der sogenannten Fed Funds Futures - dabei handelt es sich um Terminkontrakte, die von Investoren genutzt werden, um sich gegen Änderungen der Leitzinsen abzusichern oder auf diese zu spekulieren - berechnet das Fed Watch Tool die Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Zinsschritten.
Blickt man ein Jahr in die Zukunft, so spiegelt das Fed Watch Tool die Erwartung wider, dass der Zinssatz im Dezember 2024 mit einer Wahrscheinlichkeit von 28,8 % bei 4,0 - 4,25 % liegen wird. Die Wahrscheinlichkeit für ein Zinsniveau von 4,25 % - 4,5 % beträgt 28 %.

FED Watch Tool (Quelle: https://www.cmegroup.com/markets/interest-rates/cme-fedwatch-tool.html)
Das aktuelle Leitzins-Niveau (current target rate ) liegt bei 5,25 - 5,5 %. Dies bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass es im nächsten Jahr mehrere Zinssenkungen geben wird. Der erste Zinsschritt wurde noch vor wenigen Tagen bereits im März erwartet. Nach den starken Arbeitsmarktdaten vom Freitag hat sich die Erwartung ein wenig verschoben, so dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass erst im Mai die erste Senkung stattfinden wird. Abhängig wird dies aber auch von den Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten der nächsten Monate sein.
Weiche Wirtschaftslandung möglich
Das einzige Problem, welches bei solch einem Szenario besteht, ist das folgende: Zinssenkungen in diesem Ausmaß gehen in der Regel mit einer Rezession oder zumindest mit einem deutlichen wirtschaftlichen Abschwung einher, was wiederum Gegenwind für den S&P 500 bedeuten würde.
In den vergangenen Wochen haben sich jedoch die Anzeichen gemehrt, dass sich der Trend zur Disinflation fortsetzen könnte, ohne dass es 2024 zu eine harten Wirtschaftslandung kommt. Dieses “Soft Landing” Szenario in Verbindung mit fallenden Inflationsraten, welche die Grundlage für fallende Zinsen bilden, wäre ein Umfeld, in dem der S&P 500 im nächsten Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter profitieren würde.
Einordnung aus charttechnischer Perspektive
Der S&P 500 stieg sechs Wochen in Folge an. Mit rund 4600 Punkten notiert der Index aktuell auf dem Niveau des Jahres-Hochs aus dem Juli und ca. 200 Punkte unter dem Allzeithoch vom Januar 2022.
S&P 500 Wochen-Chart

S&P 500 Wochen-Chart (Quelle: TradingView)
Der Index ist zwar mittlerweile überkauft und die 4600-Punkte-Marke stellt einen Widerstand dar, der noch nicht nachhaltig überwunden wurde; sich gegen den starken Trend zu stellen ist in der Regel jedoch eine äußerst gefährliche Strategie. Auf den fahrenden Zug aufzuspringen, bietet wiederum zumindest kurzfristig aktuell kein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis. Mittelfristig stehen die Chancen hingegen gut, dass es zu einer Fortsetzung des Trends kommt, falls sich an dem oben beschriebenen fundamentalen Szenario nichts ändert.
S&P 500 Tages-Chart

S&P 500 Tages-Chart (Quelle: TradingView)
Aufwärtsbewegung auf breiter Front
Auch die Signale der Intermarket-Analyse unterstützen derzeit das bullische Szenario. Wir sehen nicht nur wenige Aktien, die den Index nach oben treiben, sondern eine Partizipation der breiten Masse an Aktien bzw. des breiten Marktes. Zudem setzt sich die Sektoren-Rotation fort, was ebenfalls ein positives Signal ist. Das heißt, wir können vermehrt Kapitalströme in offensive Marktsektoren beobachten, wohingegen defensive Marktsektoren relative Schwäche aufweisen.
Advance Decline Line
Die AD-Line der New York Stock Exchange stieg in den letzten Wochen deutlich an und signalisiert somit, dass viele Aktien mit der Aufwärtsbewegung des Index ansteigen konnten.

Advance Decline Line Daily (Quelle: stockcharts.com)
Auf dem Wochen-Chart ist allerdings zu sehen, dass wir zumindest noch kein vorauslaufendes Signal eines Breakouts sehen.

Advance Decline Line Weekly (Quelle: stockcharts.com)
Viele Aktien in Aufwärtstrend
Zieht man die Tages-SMA-200 als Indikator für den langfristigen Trend heran, erkennen wir, dass aktuell ungefähr 62 % aller Aktien an der gesamten New York Stock Exchange über der SMA 200 notieren. (Was den S&P 500 betrifft, befinden sich rund 66 % aller Aktien über der SMA 200.)

Anzahl Aktien über SMA 200 an der NYSE (Quelle: stockcharts.com)
Fazit: Kurzfristig überkauft, mittelfristig Chance auf Trendfortsetzung
Nach der starken Kursrally in den letzten sechs Wochen befindet sich der S&P 500 vor einem kurzfristigen Widerstandsbereich. Eine Korrektur scheint bereits überfällig zu sein. Dass diese bisher nicht kam, kann auch als Zeichen der Stärke gewertet werden, da kleinste Rücksetzer jedes Mal sofort gekauft wurden. Nachdem sich die Erwartungshaltung an die Zinspolitik der FED geändert hat und zudem die Intermarket-Analyse positive Signale liefert, scheint einer Fortsetzung des Aufwärtstrends und dem Erreichen von neuen Höchstständen im S&P 500 nicht mehr viel im Weg zu stehen. Notwendig ist jedoch, dass dieses Szenario durch die fundamentalen Daten in den nächsten Wochen und Monaten bestätigt wird. Eine rasche Rückkehr der Inflation, ein zu starker Arbeitsmarkt oder eine starke wirtschaftliche Abkühlung könnten für Gegenwind sorgen. Im aktuellen Umfeld kann der Einsatz von Stillhalter-Strategien interessant sein, wie bspw. Cash Secured Puts auf Aktien oder ETFs oder der Verkauf von vertikalen Spreads.
Autor: Tobias Schmid
Datum: 11.12.2023

