Liebe Trader, liebe Börsenfreunde.
Am vergangenen Mittwoch, 21. Mai, erzielte der DAX mit einem Schlusskurs von 24.122 Punkten ein neues Allzeithoch, bevor am Donnerstag eine Verschnaufpause folgte und am Freitag weiterer Abwärtsdruck aufkam, nachdem neue Zollandrohungen von Donald Trump gegenüber der EU gemeldet wurden.
Fundamentaler Rückenwind für DAX hält an
Nach dem Kurseinbruch im April hatte sich der DAX rasch erholt. Seit dem Tief am 7. April bei 18.490 Punkten konnte der deutsche Leitindex 5.632 Punkte bzw. mehr als 30 % Prozent ansteigen. Seit Jahresbeginn befindet sich der DAX 21 Prozent im Plus. Die Gründe für die positive Stimmung waren vielseitig:
1. Aussicht auf eine geldpolitische Wende
Seit Anfang April mehren sich die Signale, dass die EZB bereits im Juni den Leitzins senken könnte. Mehrere Ratsmitglieder – allen voran Klaas Knot und Fabio Panetta – sprechen offen von einem „vorsichtigen Pivot“. Die Kombination aus nachlassenden Erzeuger- und Verbraucherpreisen und einer stagnierenden Kerninflation verschafft der Notenbank Spielraum. Sobald die Märkte Zins-Fantasie wittern, fällt der Bewertungsvergleich klar zugunsten von Aktien aus, was die Nachfrage nach DAX-Titeln spürbar verstärkte.
2. Unerwartet starke Berichtssaison
In den vergangenen Wochen sahen wir einige starke Quartalsergebnisse von DAX-Konzernen, die zu positiven Kursreaktionen und Kauflaune führten:
- SAP überzeugte mit Cloud-Umsätzen (+27 %) und dem stärksten operativen Gewinnsprung seit 2018.
- Siemens meldete ein zweistelliges Auftragswachstum und einen Rekord-Auftragsbestand, was die Investoren zuversichtlich stimmt, dass der Industriekonzern auch 2025 robust wächst.
- Auch europaweit ist die Entwicklung ermutigend: Insgesamt übertrafen rund 60 % der im STOXX 600 berichtenden Unternehmen die Gewinnschätzungen – Tendenz steigend. Für den DAX bedeutete das: Bewertungsaufschläge ohne gleichzeitige KGV-Überdehnung.
3. Aufhellende Konjunkturindikatoren
Parallel dazu hellte sich das makroökonomische Umfeld in der Eurozone überraschend auf:
- Das deutsche ifo-Geschäftsklima legte fünf Monate in Folge zu und notiert jetzt auf einem Elf-Monats-Hoch.
- Der ZEW-Index sprang im Mai von −14,0 auf +25,2 Punkte – der größte Monatsanstieg seit 2020.
- Der Einkaufsmanagerindex für die verarbeitende Industrie verzeichnete im April die kräftigste Output-Steigerung seit über drei Jahren.
Diese Daten entziehen Rezessionssorgen den Boden und bestätigen die Hoffnung, dass Deutschland und die Eurozone im zweiten Halbjahr wieder in den Wachstumsmodus wechseln.
4. Fiskalprogramme als Konjunkturstütze
Das vom Bundestag verabschiedete 500-Mrd.-€-Paket für Infrastruktur, Digitalisierung und Klimawende sorgt für Planungssicherheit bei Bau-, Industrie- und Technologiewerten. Zugleich deutet sich an, dass die Schuldenbremse künftig flexibler ausgelegt wird – ein weiterer Stimulus für das Investitionsklima.
5. „Tariff-Rush“ kurbelt Exporte an
Im Vorfeld der ab Juni drohenden US-Zölle orderten viele amerikanische Abnehmer deutsche Autos, Maschinen und Chemikalien vorzeitig. Dieser Vorzieheffekt schlug sich nicht nur im positiven BIP-Beitrag der Exporte nieder, sondern füllte auch die Auftragsbücher vieler zyklischer Unternehmen.
6. Kapitalflüsse und relative Bewertung
Mit Bund-Renditen um 2,6 % bleiben deutsche Staatsanleihen klar unter den 4,5 % bei US-Treasuries. Gleichzeitig notiert der DAX trotz Rekordständen noch immer mit einem deutlichen KGV-Abschlag zu den US-Megacaps. Das macht deutsche Blue Chips für internationale Fonds zu einer attraktiven Alternative – Rotationen aus übergewichteten US-Technologiewerten in europäische Large Caps verstärken den Aufwärtstrend.
Rückkehr des Zoll-Risikos
Der freundliche Börsenverlauf bis Donnerstag letzter Woche kippte abrupt, als US-Präsident Donald Trump am Freitagmittag neue Strafzölle in den Raum stellte: 50 % auf sämtliche EU-Importe ab dem 1. Juni. Die Nachricht ließ den DAX in weniger als einer halben Stunde um rund drei Prozent einbrechen und beendete die Serie von sechs Gewinnwochen.  

Nimmt der Markt Trumps Drohungen ernst?
Ob Trump seine Drohung wahr macht oder – wie zuvor bei den China-Zöllen – rasch zurückrudert, bleibt offen. Wenn man etwas zwischen den Zeilen liest, lässt sich vermuten oder zumindest hoffen, dass auch dieses Mal eine Einigung gefunden werden kann. Es scheint, dass auch dem Markt die drohende Gefahr von neuen Zöllen zumindest derzeit keine allzu großen Sorgen bereitet. Trumps Ankündigung sorgte zwar für kurzzeitigen Abgabedruck, aber bereits im Laufe des Freitags liefen sowohl die US-Indizes als auch der DAX wieder einige Punkte nach oben und die Schlusskurse lagen deutlich über den Tagestiefs.
Stress am Anleihenmarkt
Parallel zu den Schlagzeilen aus Washington belastet ein ganz anderes Thema: steigende Staatsanleiherenditen. Seit Moody’s der US-Bonität einen zweiten negative outlook verpasst hat, ist das „Staatsschulden-Fieber“ zurück. Zehnjährige Treasuries rentieren wieder deutlich über 4,5 %, deutsche Bundesanleihen notieren stabil über 2,6 %. Die Kombination aus höherem Kupon und üppigen Haushaltsdefiziten zwingt Investoren, das Verhältnis von Risiko und Rendite neu zu bewerten. 
Sorgenkind Japan
Ein weiterer Brennpunkt ist Japan: Die Verbraucherpreise liegen inzwischen bei 3,6 %, während der Leitzins erst einmal zaghaft von 0,25 % auf 0,50 % erhöht wurde. Der Renditeanstieg japanischer Zehnjähriger von unter 1 % auf 1,55 % seit Herbst zeigt, dass die Zeit unbegrenzten Billiggelds abläuft. Bei einer Staatsverschuldung von fast 235 % des BIP könnte schon ein moderater Zinsanstieg den Schuldendienst spürbar verteuern – mit möglichen Spill-Over-Effekten auf globale Funding-Märkte. 
Der derzeitige Bullenmarkt lebt - wie oben ausgeführt - nicht von einer einzigen Story, sondern von einem Zusammenspiel aus geldpolitischer Hoffnung, soliden Unternehmensgewinnen, konjunkturellem Rückenwind und fiskalischen Stützpfeilern. Allerdings ist der Trend auch auf der Hoffnung gebaut , dass Trumps Zollandrohungen tatsächlich bald wieder vom Tisch sind. Sollte es hier entgegen der Erwartungen zu einer drastischen langfristigen Anhebung der Zölle kommen, könnte die Stimmung auch schnell wieder kippen. Auch das Risiko von weiter steigenden Renditen am Anleihenmarkt findet derzeit noch wenig Berücksichtigung am Aktienmarkt. Sollte es hier weitere Verwerfungen geben, dürfte das auch den Aktienmarkt belasten.
Wochenausblick
Zum Wochenauftakt sorgt der Memorial-Day-Feiertag in den USA für ein geringeres Handelsvolumen. Am Freitag stehen dann mit der Schnellschätzung der deutschen Mai-Verbraucherpreise und dem US-PCE-Deflator zwei zentrale Inflationsindikatoren an. Dazwischen rücken das Conference-Board-Verbrauchervertrauen, das Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung sowie Nvidias Quartalszahlen in den Fokus. In Deutschland dürfte der Feiertag Christi Himmelfahrt die Liquidität zusätzlich dämpfen, was potenziell größere Kursschwankungen begünstigt.
Autor Tobias Schmid
Datum: 26.05.2025
