Liebe Trader, liebe Börsenfreunde.
Der Nasdaq 100 erlebte am Freitag einen regelrechten Mini-Crash. Der Technologieindex brach um 4,77 % ein und gab damit innerhalb eines Handelstages einen großen Teil der Gewinne der vergangenen Wochen wieder ab.
So heftig dieser Rücksetzer auf den ersten Blick auch wirkt: Er kam nicht völlig überraschend. Der Nasdaq 100 hatte zuvor eine außergewöhnlich starke Rally hinter sich. Viele große Technologie- und KI-Aktien waren in kurzer Zeit deutlich gestiegen, die Stimmung war extrem optimistisch und der Markt wirkte zunehmend überhitzt. Nach einer solchen Bewegung reicht oft ein einzelner Auslöser, um Gewinnmitnahmen in Gang zu setzen.
Genau das sahen wir am Freitag. Der starke US-Arbeitsmarktbericht führte zu steigenden Zinserwartungen, die Anleiherenditen zogen an und Anleger reduzierten vor allem Positionen in hoch bewerteten Technologie- und Wachstumsaktien. Besonders KI- und Halbleiterwerte gerieten unter Druck. Aus einer längst überfälligen Korrektur wurde dadurch ein echter Abverkauf.
Größter Tagesverlust im Nasdaq 100 seit April 2025
Der Nasdaq 100 fiel am Freitag um 4,77 % und erlitt damit den größten Tagesverlust seit April 2025. Auf dem Bildschirm sah das nach einem klassischen Mini-Crash aus: Viele der bisherigen Gewinner wurden gleichzeitig verkauft, Unterstützungen wurden gebrochen und die Abwärtsbewegung beschleunigte sich im Tagesverlauf.
Wichtig ist aber auch die Einordnung. In den Wochen zuvor hatte der Markt eine massive Rally hingelegt. Der breite US-Aktienmarkt kam aus einer neunwöchigen Gewinnserie, der Nasdaq profitierte besonders stark von der Euphorie rund um künstliche Intelligenz, Halbleiter und große Technologiewerte. Viele Aktien waren kurzfristig stark gelaufen, teilweise weit oberhalb ihrer gleitenden Durchschnitte. Das ist oft ein Zeichen dafür, dass der Markt anfällig für Gewinnmitnahmen wird.
Der Rücksetzer am Freitag war deshalb weniger ein isoliertes Ereignis, sondern vielmehr die Reaktion eines überhitzten Marktes auf einen klaren Belastungsfaktor. Anleger nahmen Gewinne insbesondere bei den Aktien mit, die zuvor am stärksten gestiegen waren. Auslöser für den Abverkauf waren die neuen US-Arbeitsmarktdaten.
Starke US-Jobdaten verschieben die Zinserwartungen
Am Freitag wurden in den USA die neuen Nonfarm Payrolls für den Monat Mai veröffentlicht. Erwartet worden waren rund 80.000 neue Stellen. Tatsächlich wurden jedoch 172.000 neue Jobs geschaffen. Damit fiel der Arbeitsmarktbericht mehr als doppelt so stark aus wie prognostiziert. Gleichzeitig blieb die Arbeitslosenquote stabil bei 4,3 %.
Auf den ersten Blick klingt ein starker Arbeitsmarkt positiv. Unternehmen stellen weiter ein, die Wirtschaft zeigt sich robust und eine Rezession wirkt weniger wahrscheinlich. Für die Börse war genau diese Stärke am Freitag aber das Problem.
Denn ein sehr robuster Arbeitsmarkt gibt der US-Notenbank weniger Spielraum für Zinssenkungen. Wenn Beschäftigung und Konjunktur stabil bleiben, während die Inflation weiterhin hoch ist, steigt aus Sicht der Märkte das Risiko, dass die Fed länger restriktiv bleiben muss oder sogar erneut über Zinserhöhungen spricht.
Genau diese Neubewertung fand am Freitag statt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem Jahr noch zu einer Zinserhöhung kommen könnte, stieg laut FedWatch-Tool auf über 70 %. Gleichzeitig verschwand die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen fast vollständig.

Besonders spannend wird deshalb die nächste Fed-Sitzung am 16. und 17. Juni 2026. Es ist die erste FOMC-Sitzung unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh. Die Märkte werden sehr genau darauf achten, wie Warsh die Kombination aus starkem Arbeitsmarkt, hartnäckiger Inflation und steigenden Zinserwartungen einordnet.
Vor allem die Pressekonferenz nach der Zinsentscheidung dürfte im Fokus stehen. Entscheidend wird sein, ob Warsh die Tür für spätere Zinserhöhungen offenlässt, ob er die Sorgen vor einer anhaltend hohen Inflation betont oder ob er versucht, die Märkte mit einer ausgewogeneren Kommunikation zu beruhigen.
Steigende Anleiherenditen treffen Wachstums- und KI-Aktien besonders stark
Die gestiegenen Zinserwartungen führten am Freitag auch zu steigenden Anleiherenditen. Genau das ist für Wachstums- und Technologieaktien besonders problematisch.
Der Grund ist relativ einfach: Viele Technologie- und KI-Unternehmen werden an der Börse nicht nur nach ihren heutigen Gewinnen bewertet, sondern vor allem nach den erwarteten Gewinnen in der Zukunft. Je weiter diese Gewinne in der Zukunft liegen, desto stärker reagieren die Bewertungen auf Veränderungen beim Zinsniveau.
Steigen die Zinsen, steigt auch der Diskontierungsfaktor. Zukünftige Gewinne sind aus heutiger Sicht dann weniger wert. Das trifft besonders diejenigen Unternehmen, bei denen sehr hohe zukünftige Wachstumsraten bereits im Aktienkurs eingepreist sind. Genau deshalb reagieren hoch bewertete Tech-Aktien oft überdurchschnittlich stark, wenn die Renditen am Anleihemarkt steigen.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Wenn sichere Staatsanleihen wieder höhere Renditen bieten, werden riskante Aktien relativ weniger attraktiv. Investoren verlangen dann eine höhere Risikoprämie. Das kann dazu führen, dass besonders teure Aktien verkauft werden, selbst wenn sich an der langfristigen Wachstumsstory zunächst wenig geändert hat.
Bei KI-Aktien kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Viele Unternehmen investieren aktuell massiv in Rechenzentren, Chips, Infrastruktur und künstliche Intelligenz. Diese Investitionen sind kapitalintensiv. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten und machen zukünftige Investitionsprojekte weniger attraktiv. Deshalb traf der Renditeanstieg besonders die Aktien, die zuvor am stärksten von der KI-Fantasie profitiert hatten.
Wichtige Inflationsdaten diese Woche
Nach dem starken Arbeitsmarktbericht rückt in der neuen Handelswoche das Thema Inflation noch stärker in den Fokus. Denn die entscheidende Frage lautet nun: Bleibt die Inflation hoch, während der Arbeitsmarkt stark bleibt?
Wenn ja, hätte die Fed deutlich weniger Argumente für Zinssenkungen. Im Gegenteil: Heiße Inflationsdaten könnten die Diskussion über eine mögliche Zinserhöhung im weiteren Jahresverlauf weiter anheizen.
In der kommenden Woche stehen deshalb gleich mehrere wichtige US-Daten auf dem Programm.
- Am Montag, dem 8. Juni, wird die Umfrage der New York Fed zu den Inflationserwartungen der Verbraucher veröffentlicht. Diese Daten sind wichtig, weil die Fed sehr genau beobachtet, ob sich höhere Inflationserwartungen in der Bevölkerung verfestigen.
- Am Mittwoch, dem 10. Juni, folgen die US-Verbraucherpreise für Mai. Der Consumer Price Index, kurz CPI, ist einer der wichtigsten Inflationsberichte überhaupt. Besonders relevant ist dabei nicht nur die Gesamtinflation, sondern auch die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel. Sollte diese stärker ausfallen als erwartet, könnte das die Zinssorgen erneut verstärken.
- Am Donnerstag, dem 11. Juni, werden dann die US-Erzeugerpreise veröffentlicht. Der Producer Price Index, kurz PPI, zeigt, wie sich die Preise auf Produzentenebene entwickeln. Steigende Erzeugerpreise können später auf die Verbraucherpreise durchschlagen und sind deshalb ein wichtiger Frühindikator für Inflationsdruck.
- Ebenfalls am Donnerstag erscheinen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Auch diese Daten werden nach dem starken Arbeitsmarktbericht aufmerksam beobachtet.
- Am Freitag rückt außerdem der vorläufige Index zum Verbrauchervertrauen der University of Michigan in den Fokus, insbesondere die darin enthaltenen Inflationserwartungen.
Für den Nasdaq 100 bedeutet das: Die kommende Woche könnte erneut volatil werden. Fallen CPI und PPI heißer aus als erwartet, dürfte der Druck auf Technologieaktien anhalten. Kommen die Daten dagegen moderater herein, könnte sich der Markt nach dem scharfen Rücksetzer stabilisieren.
Autor: Tobias Schmid
Datum: 08.06.2026

