Im Optionshandel dreht sich vieles um Timing und Strategie – doch eine Frage beschäftigt fast alle Trader gleichermaßen: Welche Laufzeit sollte ich wählen? Kurzfristige Optionen locken mit schnellem Zeitwertverfall, während langlaufende Kontrakte Ruhe und Stabilität versprechen. Doch welche Variante passt wirklich zu welchen Zielen, und wo liegen die Chancen und Risiken? In diesem Artikel werfen wir einen genauen Blick auf langlaufende Optionen, sogenannte LEAPS, und zeigen, wie sie sich im Vergleich zu kurzfristigen Kontrakten verhalten.
Die „Square Root Rule“ – Preisentwicklung von Optionen
Die sogenannte Square Root Rule (Wurzelregel) besagt, dass es etwa die vierfache Zeit benötigt, um den Preis einer Option zu verdoppeln. Beispiel: Eine ATM-Put-Option mit 90 Tagen Laufzeit kostet $16. Eine Option mit 360 Tagen Laufzeit hätte laut Regel einen Preis von:

In der Praxis sieht es ähnlich aus: Eine ATM-Put-Option auf den SPY mit 90 Tagen Laufzeit liegt bei $16,7, die gleiche Option mit 362 Tagen bei $36,7. Das entspricht einem Faktor von 2,17, also leicht über dem theoretischen Wert. Diese Abweichung entsteht durch Faktoren wie Volatilitätsschiefe oder Terminstruktur, dennoch zeigt die Square Root Rule den grundlegenden Trend korrekt.
Zeitwertverfall und relative Preisentwicklung
Langlaufende Optionen sind relativ günstiger, ähnlich wie bei einem Jahresabo im Vergleich zum Monatsabo. Für Käufer ist das ein Vorteil, der es erlaubt, auch mit kleinen Beträgen in hochpreisige Aktien oder ETFs zu investieren. Für Verkäufer von Optionen sind lange Laufzeiten weniger attraktiv, da der Zeitwertverfall langsamer erfolgt.
Ein konkretes Beispiel am SPY:
- 90-Tage-ATM-Put: $16,7 → fällt innerhalb der letzten 90 Tage auf $ 0
- 362-Tage-ATM-Put: $36,7 → fällt in 90 Tagen auf $31,7
Obwohl in beiden Fällen 90 Tage vergehen, verliert die Kurzläufer-Option dreimal so viel an Wert. Daher bevorzugen Verkäufer kürzere Laufzeiten – dort lässt sich Zeitwert am effizientesten „ernten“.
Langlaufende Optionen (LEAPS) und Gamma
Langlaufende Optionen, die sogenannten LEAPS, haben trotz langsamerem Zeitwertverfall einen entscheidenden Vorteil: Sie reagieren deutlich träger auf Kursbewegungen, weil ihr Gamma geringer ist.
Beispiel:
Laufzeit Gamma
90 DTE –0,91
360 DTE –0,40
Das bedeutet: Kurzfristige Optionen reagieren stark auf Kursbewegungen, während LEAPS ruhiger bleiben. In turbulenten Marktphasen – etwa bei Crashs – kann diese Trägheit helfen, Verluste abzufedern. Langlaufende Optionen sind also robuster und bringen Ruhe ins Depot.
Strategische Überlegungen für den Handel
Langlaufende Optionen eignen sich weniger für Strategien, die auf schnellen Zeitwertverfall setzen. Wer zum Beispiel bei 0DTE-Optionen darauf hofft, dass sie wertlos verfallen, erzielt bei LEAPS nicht den gleichen Effekt – der Zeitwertabbau ist anfangs sehr langsam.
Daher werden bei langlaufenden Optionen meist kleine Gewinnziele (Take Profit) gesetzt, z. B. zwischen 15-30 %. Sobald das Ziel erreicht ist, wird die Position geschlossen und eine neue Option verkauft. So lässt sich das Depot stabil halten, während das Risiko durch das niedrige Gamma begrenzt wird. Wer zu lange in einer Position bleibt, läuft Gefahr, dass das Gamma-Risiko wieder zunimmt – ähnlich wie bei kurzfristigen Optionen.
Auswahl von Underlying, Delta und Prämie
Für langlaufende Strategien eignen sich liquide und große Underlyings, etwa ETFs wie SPY oder IWM. Die Wahl der Laufzeit liegt in der Regel bei rund 365 Kalendertagen; kleinere Abweichungen sind unproblematisch.
Die Auswahl der Option erfolgt häufig nach Delta – wir bevorzugen Delta 30 Optionen. Grund: Langlaufende Optionen haben ein hohes Vega, also eine starke Abhängigkeit von der Volatilität. Das normalisierte Vega zeigt, wie stark eine Option prozentual auf Volatilitätsschwankungen reagiert. Beispiel: Ein 440er Put (Delta 5, 348 DTE) hat ein normalisiertes Vega von 14 %, ein 635er Put (Delta 30) nur 8 %. Damit reagieren Optionen näher am Geld weniger stark auf Volatilitätsänderungen.
Stop Loss, Take Profit und Risikomanagement
Langlaufende Optionen erfordern angepasste Stop Loss- und Take-Profit-Level. Kleine Ziele ermöglichen es, Positionen schnell zu schließen und neu zu verkaufen, während große Ziele viel Zeit benötigen. In Backtests von 2019-2025 zeigte sich, dass eine Kombination von 15 % Take Profit und 50 % Stop Loss am effektivsten ist: Hohe Trefferquote (86 %) bei geringem maximalem Drawdown.
| Take-Profit | Stop | Total Return | Erwartungswert | Anzahl der Trades | Max Drawdown |
|---|---|---|---|---|---|
| 15 | 50 | $21.305 | 125 | 170 | 2,80% |
| 30 | 50 | $19.354 | 215 | 90 | 3,00% |
| 50 | 50 | $15.881 | 294 | 54 | 4,50% |
| 80 | 50 | $5.038 | 153 | 33 | 5,50% |
| 15 | 100 | $16.719 | 120 | 139 | 4,10% |
| 30 | 100 | $15.734 | 216 | 73 | 3,90% |
| 50 | 100 | $16.295 | 339 | 48 | 4,20% |
| 80 | 100 | $8.652 | 333 | 26 | 3,80% |
| 15 | 150 | $11.870 | 93 | 127 | 5,10% |
| 30 | 150 | $16.867 | 242 | 69 | 3,60% |
| 50 | 150 | $14.756 | 360 | 41 | 4,60% |
| 80 | 150 | $18.181 | 790 | 23 | 3,40% |
Das Risiko eines einzelnen Trades sollte nie mehr als 2-3 % des Depots betragen. Bei kleineren Konten eignen sich Alternativen wie IWM-Puts oder Sektor-ETFs, die niedriger gehebelt sind, oder kleinere Deltas.
Chancen und Einschränkungen
Langlaufende Optionen bieten eine interessante Möglichkeit, stabile Positionen aufzubauen und gleichzeitig vom Markt zu profitieren. Sie sind weniger empfindlich gegenüber kurzfristigen Schwankungen, haben ein langsameres Theta und erlauben ein kontrolliertes Risikomanagement.
Gleichzeitig sind sie kein Allheilmittel: Die Strategie profitierte in den letzten Jahren stark vom Bullenmarkt. Bei längeren Flauten oder stark steigender Volatilität können selbst konservative Trades unter Druck geraten. Daher empfehlen wir, die Strategie zunächst im Paper-Handel zu testen, bevor echtes Kapital eingesetzt wird.
Fazit
Langlaufende Optionen sind ein flexibles Werkzeug für Trader, die langfristige Bewegungen mit geringem Gamma-Risiko nutzen wollen. Wer Stop Loss, Take Profit und Positionsgröße sauber abstimmt, kann von hoher Trefferquote und Stabilität profitieren, ohne das Depot zu stark zu belasten. Gleichzeitig bleibt ein Restrisiko: In Crash-Phasen oder bei Volatilitätssprüngen können Verluste auftreten. Die Strategie eignet sich daher besonders für Trader, die den Markt langfristig beobachten und die Mechanik von LEAPS verstanden haben.
