
von Alice Schroeder ist eine unglaublich umfangreiche Biografie der Börsen-Ikone schlechthin. Wer irgendwie schon mal Aktien gekauft, sich mit der Börse beschäftigt oder auch nur auf die Liste der vermögendsten Menschen der Welt geschaut hat, wird Warren Buffett zumindest dem Namen nach kennen. Was wir wirklich über Menschen wissen geht nämlich bekanntlich sehr häufig weit von dem auseinander, was mir meinen zu wissen.
Warren Buffett ist für mich lange Jahre ein solches Mysterium gewesen. Man liest zwar viel über ihn, aber davon ist nur wenig wirklich persönlich gewesen. Die meisten Texte beschäftigen sich bei solch erfolgreichen Personen eben eher mit ihren Strategien, ihren Erfolgen und den Tipps, die sie für die Nachwelt haben. Diese Biografie taucht tiefer in das Leben des Warren Buffett ab, den die meisten von uns so bisher wahrscheinlich noch nicht kannten.
Dieses Buch wurde zweifelsohne nicht zu Unrecht zum Spiegel-Bestseller und ist definitiv ein Buch für den etwas längeren Spaß am Lesen. Denn über 1.000 Seiten mit Anhang und Register liest man nicht mal eben so und offen gestanden hätte ein Warren Buffett es auch nicht verdient, so verschlungen zu werden.

Seit Jahrzehnten zählt er zu den vermögendsten Menschen unseres Planeten, dabei blickt er auf eine bewegte Geschichte zurück. Die Autorin hat für ihre Recherche viel Zeit mit ihm, seiner Familie und seinen Freunden verbracht. Allein darauf bin ich schon neidisch. Sie durfte in Fotoalben blinzeln und erfuhr aus erster Hand, was er ganz persönlich als seine schwierigsten Phasen und größten Erfolge definiert.
Was solche Biografien stets vor allem ans Licht befördern ist die Tatsache, dass auch Persönlichkeiten wie ein Warren Buffett am Ende vor allem eines sind: Menschen. Ganz normale Menschen wie du und ich, die in ihrem Leben nur ein paar andere Entscheidungen getroffen haben, viel lernen durften, aber natürlich genauso Stärken und Schwächen haben wie wir. Warren Buffett ist kein Übermensch, er ist auch kein Genie, vielmehr war und ist er unglaublich bodenständig, wissbegierig und fleißig. Insbesondere diese drei Eigenschaften unterscheiden ihn – vor allem in Kombination mit seinem Erfolg – von dem Durchschnitt der Menschen da draußen.
Eine Person wie er könnte sich so enorm viel auf den eigenen Erfolg einbilden, aber das macht er nicht. Er könnte ebenfalls im Netz mit all den materiellen Dingen protzen, die er sich mittlerweile dutzendfach leisten könnte, aber er tut es nicht. Und auch seine Performance als Investor könnte er jeder Person immer wieder unter die Nase reiben, sich als Speaker auf Event und als großer Guru inszenieren und damit Scharen von jungen hungrigen Menschen ausnehmen, aber auch das hat er nicht nötig. Warren Buffett ist vielleicht gerade deswegen für viele Menschen ein Mysterium, weil er so anders ist als das typische Bild eines Milliardärs, was und die Medien halb neidisch, halb ideologisch zeichnen wollen.
Alice Schroeder hat es geschafft, seine Geschichte auf wunderschöne Art und Weise auf Papier zu bringen, hat dabei aber auch nicht sonderlich versucht, die Dinge zu komprimieren. Biografien sind in der Regel ohnehin bereits deutlich umfangreicher als reguläre Sachbücher. Trotzdem sind über 1.000 Seiten eine Ansage. Problematisch wird dies aber besonders durch die wirklich grausame Bindung.
Ich habe zwar selbst keine Ahnung, wie man 1.000 Seiten besser verpacken könnte, aber diese wirklich unglaublich dünnen, leicht reißbaren Seiten sind absolut katastrophal zum Lesen. Auch das dünne Cover sieht schon nach wenigen Tagen aus, als hätte es monatelang auf dem Wühltisch oder am Strand gelegen. So macht es wirklich keinen Spaß in diesem 10 kg schweren Buch zu blättern. Diese Worte habe ich bislang noch nie in den Mund genommen, aber dies ist das erste Buch, das ich tatsächlich lieber als Hörbuch empfehlen würde.
Trotzdem lohnt es sich einfach, die Inhalte dieses Buches aufzusaugen wie ein Schwamm. Vor allem für die Menschen, die es noch zu keiner Hauptversammlung nach Omaha geschafft haben, das aber immer mal machen wollten.
Das ganze Buch ist darüber hinaus gespickt mit illustrierten Zitaten aus den aufgezeichneten Interviews. Warren Buffett gab der Autorin volle Einsicht in all seine Akten und Korrespondenzen und vor allem so viel Zeit, wie sie benötigen würde.
„Am Ende ergaben meine eigenen intensiven Erfahrungen mit Warren und die Tausende von Puzzleteilchen aus so vielen verschiedenen Quellen dieses Porträt eines faszinierenden und hochkomplexen Mannes.“
Alice Schroeder

Daraus ist eine zweifelsohne spannende Biografie einer Börsenikone entstanden. Aber dieses Erlebnis ist dann tatsächlich als Hörbuch wohl besser geeignet als in dieser gebundenen Version mit ihren 1.000 dünnen und leicht rissigen Seiten. Obgleich ich nicht wissen möchte, wie viel Stunden das Hörbuch umfasst.
Etwas kritisch muss ich noch anmerken, – auch, wenn es sich irgendwie nicht richtig anfühlt, das überhaupt zu schreiben – dass ein Warren Buffett auf über 1.000 Seiten nicht so spannend ist wie ein Elon Musk, Arnold Schwarzenegger, Michelle Obama oder Steve Jobs. Es ist perfide, Menschen miteinander in dieser Form zu vergleichen, deswegen mache ich das auch gerade nur ungern. Der Punkt ist nur: genau das schätze ich an Warren Buffett. Er ist eher ruhig, analytisch, demütig und besonnen, was man von vielen anderen behaupten kann. Er ist ein Mensch, der schon so viel im Leben erreicht hat, sich so häufig behaupten musste und es auch geschafft hat. Trotzdem strotzt er nur so vor Demut und Dankbarkeit.
Permanent will er immer noch bis ins hohe Alter dazulernen, wachsen und weitergeben, was er sich selbst hart erarbeitet hat. Er ist nicht nur eine der vermögendsten Personen der Welt. Diese Bezeichnung trifft es nicht. Er ist eine der bemerkenswertesten Personen der Welt. Weil er schlicht in so vielen Bereichen aus der Norm fällt. Er ist nicht der typische Börsianer, er ist nicht der typische Milliardär, nicht der typische 80-Jährige und auch nicht der typische Erfolgsmensch. Zumindest in der beschränkten Sicht, die uns die Gesellschaft und Medien als Maßstab vorgeben. Er zeigt, dass es so viel mehr geben kann. Dass man so und so gleichzeitig sein kann, dass man einfach man selbst sein kann.
