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CapTrader Literatur Out of the dark

Out of the dark

Von
Celine
| 6. April 2023 |
Literatur
CapTrader Literatur OUT OF THE DARK von Martin Frost

von Martin Frost ist die Autobiografie und wahre Geschichte hinter einem der größten Darknet-Marketplaces der Welt: WallStreet Market. Ein Geschichte, die mich aus vielen verschiedenen Gründen interessiert hat und auf die ich mich sehr freute. Leider wurden meine Erwartungen nicht vollständig erfüllt, aber dennoch bleibt es ein spannendes Buch, dazu aber später mehr.

In dem Buch geht es um Martin „The One“ Frost. Einem Menschen, der es im Darknet zum mehrfachen Millionär geschafft hat. Müßig zu erwähnen, dass dies selbstverständlich nicht legal ablief. Das Darknet ist seit jeher ein Ort, der bei vielen Menschen eine Art Magie auslöst. Die Verborgenheit, das Ungewisse und die schier unendlichen Möglichkeiten in einem – zumindest gefühlt – rechts-freien Raum, locken vor allem technisch versierte Jugendliche förmlich an. Martin Frost gehörte zu ihnen und wurde dort zum „Darknet-Baron“ oder „Darknet-Fürsten“.

CapTrader Literatur OUT OF THE DARK von Martin Frost

Sicherlich eine mehr als streitbare „Karriere“, die er hingelegt hat und selbstverständlich kann man faktisch vieles von dem, was er getan hat, einfach nicht gutheißen und unterstützen. Dennoch empfinde ich es stets als interessant, mich in die Köpfe dieser Menschen hineinzudenken, ihre Geschichten mitzuerleben und daraus auch vieles für mein eigenes Leben mitzunehmen. Nicht, um daraufhin ebenfalls „Darknet-Baronin“ zu werden, sondern vielmehr, um meinen eigenen Horizont zu erweitern.
Das ist mir mit diesem Buch sicherlich gelungen, weshalb es von mir auch eine gute Bewertung erhält.

Was mir an dem Buch leider gar nicht gefallen hat und deswegen auch zum Punktabzug führte war der Schreibstil. Normalerweise kenne ich Biografie entweder geschrieben aus der ersten Perspektive oder in eine Art erzählerischer Interviewform. In diesem Fall wirkte es aber an unzähligen Stellen doch eher wie eine trockene chronologische Wiedergabe von Fakten. Ich bekam den Eindruck, dass über gewisse Dinge nicht im Detail – vor allem nicht auf der Gefühls- und Wahrnehmungswelt – gesprochen werden durfte.

Aber ich lese doch am Ende Biografien nicht, um nur die Fakten aufzusaugen, sondern vielmehr, um einen tieferen Einblick in die Gedanken und Gefühle des Hauptcharakters zu erhalten – in dem Fall Martin Frost. Das hat mir beinahe komplett gefehlt und nimmt dem Ganzen den Charm.

Trotzdem bleibt die Geschichte sicherlich spannend, aber es wäre deutlich mehr drin gewesen.

Beispielhaft dafür steht der Prolog dieses Buches:

„Es ist irre zu sehen, was in deinem Gehirn abgeht, wenn die GSG 9 zugreift. Innerhalb einer Millisekunde schießen Martin tausend Gedanken durch den Kopf. Zeit hat ihre Dimension verloren. Alles nur noch in Slow-Motion. Wie in einem Film.

Das Erste, woran er denkt: »Scheiße, das ist ein Überfall! Die wollen mir die Karre klauen!« Grelles Licht blendet ihn, er hört die Schreie: »Polizei, Polizei!«

Schnell ist ihm klar: Das war's. Sie sind wegen WallStreet Market hier. Bilder durchzucken sein Gehirn. Was habe ich übersehen? Wie sind sie mir auf die Schliche gekommen?

Schlagartig hat er die letzten Stunden, Tage und Wochen vor Augen. Er analysiert.

Hätte ich etwas merken müssen? Habe ich etwas falsch gemacht? Und: Was ist mein gottverdammter Fehler gewesen? Wie bei einer Nahtoderfahrung zieht das Leben an ihm vorbei. Alle Synapsen arbeiten auf Hochtouren. In solchen Situationen erkennt man, wie leistungsstark das menschliche Gehirn ist - das gesamte Wissen ist für einen kurzen Moment verfügbar.“

Das liest sich für irgendwie alles etwas komisch und ich würde mir vielmehr wünschen eine spannende Erzählung aus der Ich-Perspektive zu erhalten und von mir aus auch in Interview-Form deutlich tiefer in seine Gedankenwelt einsteigen zu können.

Martin Frost steht an dieser Stelle auf dem Cover zwar als Autor, aber die Worte werden dann wohl vielmehr von D. P. Ginowski, über den man im Netz aber relativ wenig findet. Im Vorwort schreibt Martin Frost, dass er sich dazu entschlossen hat, dieses Buch gemeinsam mit einem Autor zu schreiben, um die größtmögliche Neutralität zu garantieren. Ungeschönt und ehrlich möchte er seine Erlebnisse aufarbeiten und dabei auch als mahnendes Negativbeispiel dienen. Den Ansatz kann ich gut verstehen, aber die Umsetzung ist dann doch unterm Strich nicht ideal – meiner Meinung nach.

Der Start des Vorwortes hätte mir da als Art besser gefallen:

„Mein Name ist Martin Frost. Ich bin 32 Jahre alt und komme aus dem Raum Stuttgart. 2021 wurde ich wegen bandenmäßigen Drogenhandels und Untreue zu sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Zusammen mit zwei Mittätern habe ich über mehrere Jahre hinweg den zweitgrößten Darknet-Marktplatz der Welt betrieben.“

Martin Frost

Oder auch zu einem späteren Zeitpunkt wird es nochmals persönlicher:

„Sie haben den zweitgrößten Darknet-Marktplatz weltweit betrieben. Sind Sie darauf stolz?

Sehr schwierige Frage. Es gab eine Zeit, da war ich stolz darauf, hauptsächlich auf die technische Leistung. Alles andere wäre gelogen. Heute ist es für mich schwer, darauf stolz zu sein, ich sehe jetzt die Konsequenzen, die waren mir vorher nicht bewusst, und damit meine ich jetzt nicht nur meine Haftstrafe. Ich habe viele Leute kennengelernt, die tragische Drogengeschichten hinter sich haben. Men-schen, die teilweise bei uns gekauft haben. Wir, aber auch ich, haben da richtig viel Elend in die Welt gebracht.“

Martin Frost
Frau lächelt, während sie draußen ein Buch liest.

An dieser Stelle eine paar Worte zur Hauptperson:

Martin Frost wurde 1989 in Stuttgart geboren. Bereits in jungen Jahren kam er mit dem Darknet und der sogenannten Fraud-Szene in Kontakt und eignete sich Wissen in den Bereichen Cybercrime und IT-Sicherheit an. 2016 gründete er zusammen mit zwei Mittätern den zweitgrößten Darknet-Marktplatz weltweit: den WallStreet Market. Seit seiner Verhaftung 2019 betreibt er Aufklärung und Präventionsarbeit in verschiedenen Formaten. Für seine Taten wurde Martin Frost im Juli 2021 zu insgesamt sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Der Titel „Out of the Dark“ soll die persönliche Reise der Hauptperson aus der Dunkelheit der Kriminalität in die heutige Zeit darstellen. Für ihn ein beschwerlicher Weg zurück ins Licht. Grundsätzlich verständlich, wobei man anmerken muss, dass seine Verhaftung wohl auch ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein muss und seine Optionen anschließend zweifelsfrei überschaubar gewesen sein werden. Dementsprechend blieb ihm wohl nur noch der Weg in die Aufklärung und Prävention („zurück ins Licht“) oder wieder rückfällig zu werden wie andere Täter im ähnlichen Spektrum es bereits vorgemacht haben.

Gut, dass er sich für die positive Alternative entschieden hat und mit seinem Buch nun seine Geschichte erzählt, wie aus dem jungen Martin Frost, der in wohl behüteten Verhältnissen aufgewachsen ist, der Cyberkriminelle „The One“ geworden ist. Wie in allen Lebensgeschichten kann man auch aus dieser Story einiges mitnehmen und der Autor selbst sieht in seinem Scheitern auch eine große Chance. Hoffen wir, dass er diese nun auch mit Dankbarkeit weiterhin annimmt und aktiv bleibt.

„Die junge Familie lebt in einer Mietwohnung in Stuttgart-Giebel, einem damals bürgerlichen Stadtteil. Stuttgart, das sich wie ein Kessel in die Landschaft Baden-Württembergs einfügt, fällt nicht durch eine übertrieben hohe Kriminalitäts-rate auf. Anders als im Ruhrgebiet treffen keine Ballungszentren aufeinander, die Gesellschaft hier ist nicht geprägt von Clan-Kriminalität oder Straßengangs, man fürchtet sich kaum vor sozialer Armut oder dem Abstieg. Große Unternehmen wie Mercedes-Benz, Porsche oder Bosch haben in Stuttgart ihren Hauptsitz. Die Stadt hat ihren eigenen Vibe. Kunst, Kultur und Lebensfreude machen Stuttgart zu einem lebenswerten Ort. Perfekt zum Feiern für Jugendliche, ideal für die noch junge Familie.“

D. P. Ginowski

Insgesamt somit eine spannende Biografie, wobei mir nur der nacherzählende Stil nicht sonderlich gefallen hat. Dadurch wirkt alles eher chronologisch heruntergerattert und oberflächlich wiedergegeben, anstatt wirklich in die Tiefe und die Gefühle der Hauptperson einzutreten und damit die wirklichen Schätze dieser Geschichte zu heben. Ich wünsche mir bei Biografien weniger eine Auflistung von Fakten als vielmehr Tiefe in der Schilderung und eben all die Inhalte, die man nicht mit zwei Klicks im Internet auch so nachlesen könnte.

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