Terminstrukturkurven haben nur indirekt etwas mit dem (Options-)Handel zu tun. Das Thema ist dennoch relevant für jeden Optionshändler, deshalb zeigt Alexander Eichhorn in diesem Blogbeitrag einmal genau den Nutzen der Terminstrukturkurven auf.
Range-Markt vs. Aktienmarkt
Zwischen dem Rohstoff- und dem Aktienmarkt bestehen einige grundlegende Unterschiede. Während eine Aktie einen kleinen Anteil an einem Unternehmen darstellt, erfolgt der Handel mit Rohstoffen in der Regel über Terminprodukte (Futures), da es hier keine Aktien gibt. Aktienindizes zeigen langfristig meist einen Aufwärtstrend, da schwächere Unternehmen durch leistungsstärkere ersetzt werden. Im Gegensatz dazu, sind die meisten Rohstoffmärkte Range-Märkte, die sich oft über Jahrzehnte hinweg in Seitwärtsbewegungen befinden.

Futures sind Terminkontrakte für ein bestimmtes Gut und besitzen einen festgelegten Verfallstermin. Um kontinuierlich in einem Rohstoffmarkt investiert zu bleiben, müssen Investoren (ebenso wie ETC-Anbieter) einen neuen Future erwerben, sobald der bestehende ausläuft, was als "Rollen" bezeichnet wird. Dabei können sowohl Rollgewinne als auch Rollverluste entstehen.
Investoren sollten die Produktbeschreibung des Handelsinstruments genau prüfen. Nehmen wir zum Beispiel den beliebten Gold-ETC GLD: Die Bestände bestehen hier zu 100 % aus physischem Gold, nicht aus Gold-Futures. Im Gegensatz dazu hält der bekannte Erdöl-ETC USO ausschließlich Erdöl-Futures, aber kein physisches Erdöl.
- USO: Hält Erdöl-Futures
- GLD: Hält physisches Gold
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es für ETC-Anbieter relativ kostengünstig ist, Edelmetalle wie Gold und Silber physisch zu lagern. Bei Rohstoffen wie Erdöl hingegen ist eine langfristige Lagerung nahezu unmöglich oder nur mit erheblichen Kosten verbunden, weshalb ETC-Anbieter hier auf den Future-Markt zurückgreifen. Alternativ lassen sich Rohstoffe auch indirekt mit „Rohstoff“-Aktien handeln, wie beispielweise Goldminenaktien.
Achtung! Obwohl der GLD-ETC physisch basiert ist, gilt hier keine Steuerbefreiung nach einem Jahr Haltedauer wie beispielweise bei Xetra-Gold!

Contango-Kurve
Rollverluste entstehen beim Verlängern von Future-Kontrakten, dem sogenannten "Rollen", wenn ein bald auslaufender Kontrakt durch einen neuen mit einem späteren Fälligkeitsdatum ersetzt wird. Dabei wird der auslaufende Kontrakt geschlossen und gleichzeitig ein neuer, länger laufender Kontrakt eröffnet. Befindet sich der Basiswert des Futures in einer Situation, in der kurzfristige Kontrakte günstiger sind als langfristige (eine sogenannte "Contango-Situation"), führt das Rollen zu einem Verlust, der als "Rollverlust" bezeichnet wird.
In der Regel steigen die Preise der Basiswerte mit der Laufzeit des Kontrakts, was auf Nebenkosten wie Lagerkosten – auch als "Cost of Carry" bekannt – zurückzuführen ist. Diese Preisstruktur wird als "Contango" bezeichnet. Befindet sich der Basiswert eines Futures in einer Contango-Situation, entsteht beim Rollen zwangsläufig ein Verlust, da der Verkauf des auslaufenden Kontrakts weniger einbringt, als für den Kauf des länger laufenden Kontrakts bezahlt werden muss.
Videotipp: Terminstrukturkurven bei Futures erfolgreich nutzen! https://youtu.be/EOGoQHlma48
Sondersituation: Backwardation
In besonderen Fällen kann die Terminstrukturkurve kippen. In einer solchen Situation sind kurzfristige Kontrakte teurer als langfristige, was oft auf eine hohe Nachfrage oder ein begrenztes Angebot eines Rohstoffs zurückzuführen ist. Wenn ein Rohstoff dringend benötigt wird, steigen die Preise für kurzfristige Lieferungen, und Verkäufer erhalten eine sogenannte "Verfügbarkeitsprämie". Diese Preissituation wird als "Backwardation" bezeichnet.
Die Backwardation stellt eine Sondersituation dar:
- Zukünftige Kontrakte sind günstiger als aktuelle, was bei Faktoren wie Angebotsverknappungen, schlechten Ernten oder politischen Spannungen vorkommen kann. - Rohstoffhändler, die den Rohstoff unmittelbar benötigen, sind auf schnelle Lieferung angewiesen.

Befindet sich ein Basiswert in einer Backwardation-Situation, führt das Rollen eines Futures-Kontrakts nicht zu einem Rollverlust, sondern zu einem Rollertrag. Das liegt daran, dass der auslaufende Kontrakt für mehr verkauft wird, als der länger laufende kostet. Da Backwardation-Situationen meist nur vorübergehend sind, kann jedoch nicht dauerhaft mit Rollgewinnen gerechnet werden.

Niemals eine Backwardation shorten!
Hier eine wichtige Faustregel: Shortet niemals eine Backwardation-Formation! Eine Backwardation entsteht ausschließlich bei erheblicher Angebotsverknappung, und häufig schießen die Preise in solchen Situationen in die Höhe.
In einer Backwardation profitieren Future-basierte ETCs übrigens von Rollgewinnen. Da Rohstoffe jedoch meist in einer Contango-Situation gehandelt werden, überwiegen bei diesen Produkten langfristig die Rollverluste.
Wenn sich eine Terminstrukturkurve dreht (egal in welche Richtung), signalisiert dies oft eine starke Trendumkehr im Markt. Solche Marktphasen sind besonders anfällig für Black-Swan-Ereignisse, weshalb Händler niemals gegen diese Kurve wetten sollten. In der Vergangenheit gab es dafür mehrere Beispiele:
- Erdgaspreis-Explosion am 14.11.2018: Die Kurse des NG-Futures sprangen innerhalb weniger Minuten um 20 % nach oben. Schon Tage zuvor befand sich die Terminstrukturkurve in einer Backwardation.
- VIX-Explosion während der Corona-Krise: Der VIX-Index und die zugehörigen VIX-Futures stiegen während der Corona-Krise drastisch an. Bereits Ende Februar 2020 zeigte die VIX-Terminstruktur eine Backwardation.
- Erdölpreis stürzt am 20.04.2020 ins Negative: Der Erdölpreis fiel auf -$42, ein Ereignis, das vielen bekannt ist. Kurz davor löste sich die Backwardation-Kurve auf.
- Erdölpreisanstieg während der Ukraine-Krise: Schon Monate vor dem starken Preisanstieg zeigte die Erdöl-Futures-Kurve eine Backwardation.
- Volatilität-Explosion vom 05.08.2024: Der Volatilitätsindex VIX stieg innerhalb von einem Tag von 23 auf einen Wert von über 65. Bereits Tage vorher notierte die VIX-Terminstrukturkurve in einer Backwardation.

Exkurs: VIX-Terminstrukturkurve
Wenn die Aktienkurse um mehr als 20 % korrigieren, spricht man allgemein von einem Börsencrash. Es ist selbstverständlich hilfreich, einen solchen Zusammenbruch frühzeitig zu erkennen, da wir dann durch Hedging oder das Reduzieren von Long-Positionen Verluste vermeiden oder minimieren können.
Der VIX kann, insbesondere in Kombination mit anderen Indikatoren, als Werkzeug zur Vorhersage möglicher Börsencrashs eingesetzt werden. Dabei betrachten wir unter anderem die Terminstrukturkurve. Wie bereits erläutert, befindet sich die VIX-Terminstrukturkurve in der Regel in einer „Contango“-Situation, was bedeutet, dass die nachfolgenden Kontrakte teurer sind als die mit kürzerer Restlaufzeit. Im Gegensatz dazu gibt es die eher seltene „Backwardation“-Situation, bei der der Frontkontrakt der teuerste ist. Wenn die VIX-Futures in einer Backwardation-Situation notieren, ist es häufig bereits zu spät, und die Korrektur hat schon begonnen. Daher ist die Veränderung von Contango zu Backwardation entscheidend!

Ein täglicher Blick auf die VIX-Futures kann helfen, Korrekturen im S&P 500 frühzeitig zu erkennen. Natürlich muss eine Veränderung nicht zwangsläufig einen Crash zur Folge haben; die Kurse können sich auch erholen und die Volatilität kann in ihren Normalbereich zurückkehren. Sollte jedoch eine Veränderung von Contango zu Backwardation eintreten, kann es ratsam sein, Long-Positionen zu schließen oder geeignete Hedging-Strategien aufzubauen.
Podcast-Tipp: Hedging mit VIX-Optionen – Effektiver Schutz vor Flashcrashs - hier anhören
Fazit – Terminstrukturkurven profitabel nutzen
Auf den ersten Blick mag das Thema Terminstrukturkurven nicht unmittelbar mit dem Optionshandel verbunden erscheinen, dennoch ist es von großer Bedeutung für Händler, die im Future-Markt oder mit Exchange Traded Commodities (ETCs) agieren. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Aktien- und Rohstoffmärkten, insbesondere im Hinblick auf Futures, beeinflussen maßgeblich Handelsstrategien und Entscheidungen.
Die Analyse von Terminstrukturkurven, insbesondere die Differenzierung zwischen Contango und Backwardation, kann wertvolle Einblicke liefern und Händlern helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Dabei müssen Rollverluste und -gewinne beim Rollen von Futures-Kontrakten ebenso beachtet werden, wie die potenziellen Auswirkungen einer Backwardation auf Preise und Marktvolatilität.
Eine wichtige Faustregel besagt, dass man niemals gegen eine Backwardation short gehen sollte, da diese häufig mit starken Preisanstiegen und Black-Swan-Events einhergeht. Stattdessen ist es ratsam, auf die Beendigung der Backwardation zu warten, bevor entsprechende Handelsstrategien umgesetzt werden.
Die Analyse von Terminstrukturkurven verdeutlicht, wie entscheidend es ist, den Markt kontinuierlich zu beobachten und sich der aktuellen Bedingungen bewusst zu sein. Dies kann Händlern helfen, Risiken zu minimieren und Chancen zu erkennen, um profitabel zu handeln.
