Volatilität ist eines der wichtigsten Konzepte an den Finanzmärkten. Sie misst die erwartete Schwankungsbreite von Kursen und gibt damit Aufschluss über die Nervosität oder Gelassenheit der Marktteilnehmer. Besonders Optionshändler beobachten den Volatilitätsindex VIX sehr genau, da er als Barometer für Angst und Unsicherheit an der Börse gilt. Doch es geht noch eine Stufe tiefer: Der sogenannte VVIX misst die Schwankung des VIX – also die „Volatilität der Volatilität“.
Was auf den ersten Blick wie eine theoretische Spielerei wirkt, hat in der Praxis enorme Bedeutung. Der VVIX kann helfen, Wendepunkte an den Märkten frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln. In diesem Artikel beleuchten wir, was hinter dem VVIX steckt, wie er interpretiert wird und welche Strategien sich bei hohen VVIX-Werten anbieten.
Was ist der VVIX?
Der VVIX ist ein Volatilitätsindex, der die erwartete Schwankungsintensität des VIX misst. Der VIX wiederum basiert auf der impliziten Volatilität von Optionen auf den S&P 500 Index. Während der VIX also misst, wie stark sich der Markt vermutlich bewegt, zeigt der VVIX an, wie stark sich die Erwartungen an diese Bewegung selbst verändern könnten.
Konkret: Steigt der VVIX, bedeutet das, dass Marktteilnehmer mit einer stark schwankenden Volatilität rechnen – eine doppelte Unsicherheit. Diese tritt besonders häufig in Phasen auf, in denen schnelle und heftige Kursbewegungen im Aktienmarkt erwartet werden.
Die Chicago Board Options Exchange (CBOE), die sowohl den VIX als auch den VVIX berechnet, verwendet zur Ermittlung des VVIX Optionspreise auf den VIX selbst. Je stärker die Nachfrage nach diesen VIX-Optionen, desto höher fällt der VVIX aus.
Podcast-Tipp: VVIX – Der Angstbarometer der Märkte
Was sagt ein hoher VVIX aus?
Ein hoher VVIX-Wert signalisiert, dass die Marktteilnehmer mit starken Schwankungen in der Volatilität rechnen – und das ist häufig ein Vorbote für dramatische Marktbewegungen oder das Ende eines Abwärtstrends. Besonders markant war dies während der COVID-19-Pandemie zu beobachten: Am 16. März 2020 erreichte der VVIX mit 209 Punkten seinen bisherigen Höchststand – ein extremer Ausdruck der damaligen Marktpanik.

In normalen Marktphasen bewegt sich der VVIX meist zwischen 75 und 95 Punkten. Werte über 120 deuten bereits auf überdurchschnittliche Unruhe hin, während Werte über 150 oder gar 200 seltene Extremzustände darstellen. In diesen Momenten befinden sich viele Aktien bereits nahe ihren lokalen Tiefpunkten. Der Markt preist dann nicht nur Risiken ein, sondern auch die Möglichkeit massiver Gegenbewegungen – eine wichtige Information für Trader.
Warum sind besonders hohe Werte relevant?
Besonders starke Ausschläge des VVIX sind meist mit intensiven Marktbewegungen verbunden – oft auch mit plötzlichen Erholungen nach scharfen Korrekturen. Das macht den VVIX zu einem hilfreichen Instrument, um mögliche Wendepunkte im Markt zu identifizieren. Auffällig ist: Während Höchststände im VVIX als starke Signale gelten, haben Tiefststände weniger Aussagekraft.
Ein starker Anstieg des VVIX – etwa nach einem abrupten Kurseinbruch im S&P 500 – deutet auf eine hohe Absicherungsaktivität mit VIX-Optionen hin. Wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig Schutz suchen, spiegelt das eine zugespitzte Marktsituation wider, die sich bald auflösen könnte.
Strategien bei hohem VVIX
Zwar lässt sich der VVIX nicht direkt handeln, doch sein Informationswert kann in mehreren Strategien gewinnbringend genutzt werden. Hier einige erprobte Ansätze:
1. Short Puts auf Einzelaktien
Ein hoher VVIX geht oft mit stark gefallenen Aktienkursen einher. Wer ohnehin den Kauf einer bestimmten Aktie plant, kann einen sogenannten Cash Secured Put verkaufen. Dabei verpflichtet man sich, die Aktie zu einem vorher festgelegten Preis zu kaufen – und erhält dafür eine attraktive Prämie, weil die Volatilität hoch ist. Sollte der Kurs steigen, verfällt die Option und die Prämie bleibt als Gewinn. Fällt der Kurs weiter, erhält man die Aktie zum vereinbarten Preis – oft noch immer günstiger als im Durchschnitt der letzten Wochen.
2. Short Puts auf den S&P 500
Um das Risiko einzelner Unternehmen zu vermeiden, kann auch der breite Markt über SPX-Optionen oder ETFs wie SPY gehandelt werden. Gerade, wenn sich ein Tiefpunkt andeutet, bietet der Verkauf von Puts auf den Gesamtmarkt bei hohem VVIX ein günstiges Chance-Risiko-Verhältnis.
3. Short Calls auf den VIX
Wenn der VVIX sehr hoch steht, ist auch der VIX in der Regel weit oben. Ein Rückgang ist wahrscheinlich – insbesondere, wenn der Markt zur Beruhigung neigt. Der Verkauf von Call-Optionen auf den VIX ist eine Möglichkeit, auf diese Normalisierung zu setzen. Wichtig: Diese Strategie sollte stets mit einem Long Call abgesichert werden, um das Risiko zu begrenzen.
4. Long Calls auf den S&P 500
Eine andere Herangehensweise ist die Spekulation auf eine Markterholung durch den Kauf von Call-Optionen. Bei steigenden Kursen entsteht ein Hebeleffekt, der große Gewinne ermöglichen kann. Der Nachteil: In Phasen hoher Volatilität sind auch die Prämien für Calls teuer. Eine präzise Einschätzung des Zeitpunkts ist hier entscheidend.
5. Direkter Aktienkauf oder Aufstockung von Sparplänen
Für langfristige Investoren bieten hohe VVIX-Werte oft günstige Einstiegsmöglichkeiten. Wer ohnehin plant, in Qualitätsaktien zu investieren, findet in solchen Marktphasen häufig bessere Bewertungen. Auch regelmäßige Sparpläne profitieren: Sinkende Kurse führen zu höheren Stückzahlen und senken den durchschnittlichen Kaufpreis.
Risiken und Grenzen des VVIX
So hilfreich der VVIX auch ist – er ist kein Garant für eine sofortige Marktwende. Auch bei extrem hohen Werten besteht die Möglichkeit, dass die Unsicherheit weiter anhält. Zudem können historische Muster nicht einfach in die Zukunft projiziert werden: Nur weil der VVIX in der Vergangenheit bei 200 Punkten das Markttief markierte, heißt das nicht, dass dies immer wieder der Fall sein wird.
Deshalb bleibt ein sorgfältiges Risikomanagement unerlässlich. Wer mit Optionen handelt, sollte bewusst mit Positionsgrößen, Deltas, Absicherungen oder Spreads arbeiten. Der VVIX ist ein Werkzeug – aber keines, das Entscheidungen ersetzt.
Fazit: VVIX als wertvoller Begleiter im Optionshandel
Der VVIX gehört zu den spannendsten, aber oft übersehenen Indikatoren im Werkzeugkasten eines Traders. Wer ihn richtig liest, erhält wertvolle Hinweise auf potenzielle Wendepunkte, insbesondere in unsicheren oder extrem volatilen Marktphasen. Obwohl er nicht direkt handelbar ist, lässt sich seine Aussagekraft strategisch nutzen – sei es durch den gezielten Verkauf von Optionen, den Kauf von Aktien oder die Anpassung bestehender Positionen.
Wie bei jedem Indikator gilt auch hier: Der größte Wert entsteht im Zusammenspiel mit anderen Marktbeobachtungen und einer gesunden Portion Erfahrung. Wer beides miteinander verbindet, kann den VVIX als Frühwarnsystem effektiv in seine Marktanalyse integrieren – und klüger, vorsichtiger und im besten Fall auch profitabler agieren.
