Das Wichtigste in Kürze
- Verbund ist Österreichs größtes Elektrizitätsversorgungsunternehmen und einer der führenden Wasserkraftproduzenten Europas, wobei rund 40-50 Prozent des österreichischen Strombedarfs gedeckt werden.
- Das Unternehmen investiert dank der sehr niedrigen Verschuldung insgesamt bis zu 15 Mrd. Euro bis 2030 für die Energiewende
- Langfristig möchte sich der Versorger als europäischer Wasserstoffplayer für die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien positionieren
- Im Gegensatz zu regionalen Versorgern (EVN, Wien Energie etc.) ist Verbund primär als Großerzeuger und Großhändler aktiv
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Wer ist die Verbund AG?
Die Geschichte des österreichischen Versorgers reicht zurück bis in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Verbund AG wurde 1947 mit dem 2. Verstaatlichungsgesetz als „Österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG" gegründet. Die zentrale Aufgabe bestand darin, Österreichs kriegszerstörtes Elektrizitätssystem wieder aufzubauen. Mit Hilfe der Gelder des Marshall-Plans konnte das Speicherkraftwerk Kaprun 1952 fertiggestellt werden. 1955 konnte der Strombedarf in Österreich erstmals wieder ausschließlich aus heimischen Quellen gedeckt werden.
In den 1960er und 1970er Jahren baute das Unternehmen seine Position durch die Investitionen in die Wasserkraft weiter aus. Ein entscheidendes Ereignis stellte die Volksabstimmung 1978 gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf dar, was in weiterer Folge zu einer verstärkten Fokussierung auf Wasserkraft führte. In dieser Phase entstanden bedeutende Anlagen wie die Donaukraftwerke Altenwörth und Malta.
1988 erfolgte eine fundamentale Weichenstellung durch die Teilprivatisierung im Rahmen eines Börsenganges, bei dem 49 Prozent der Aktien verkauft wurden, 51 Prozent verblieben in den Händen der Republik Österreich. Gleichzeitig übernahm die Verbund AG die Bundesanteile an zahlreichen Sondergesellschaften, sprich regionale Versorger wie die Ennskraftwerke AG. Die bedeutendste Zäsur erfolgte 1995 mit dem EU-Beitritt Österreichs, der die Liberalisierung des Strommarktes einleitete. Als Reaktion auf die veränderten Marktbedingungen strukturierte sich das Unternehmen neu. 1999 erfüllte die Verbund AG als erstes Unternehmen die EU-Vorschriften zur gesellschaftsrechtlichen Entflechtung von Stromerzeugung und Übertragung durch die Ausgliederung der Austrian Power Grid AG (APG), die noch heute eine 100-Prozent-Tochter des Verbunds ist und als Betreiber des größten österreichischen Hochspannungsnetz fungiert. Zudem ist der Verbund an die Gas Connect Austria GmbH zu 51 Prozent beteiligt. Kerngeschäft des Unternehmens sind die Vermarktung von grenzüberschreitenden Transportkapazitäten und die Bereitstellung von Kapazitäten für im Inland benötigtes Erdgas. Zudem ist Gas Connect Austria als Betreiber eines rund 900 Kilometer langen Erdgashochdruckleitungsnetzes für dessen sicheren Betrieb verantwortlich.
Die folgenden Jahre nach der Liberalisierung des europäischen Strommarktes waren von Internationalisierung und weiteren Portfoliobereinigungen beim Verbund geprägt. Heute ist der in Wien ansässige Konzern Österreichs größtes Elektrizitätsversorgungsunternehmen und einer der führenden Wasserkraftproduzenten Europas, wobei über 90 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbarer Wasserkraft stammen.
Geschäftsmodell und Strategie von Verbund
Im Zentrum des Geschäftsmodells agiert das Unternehmen als integrierter Energieversorger entlang der gesamten Wertschöpfungskette, das bedeutet von der Stromerzeugung über den Transport bis zum Handel und Vertrieb.
Die Organisationsstruktur umfasst fünf Geschäftssegmente: Wasserkraft, Neue Erneuerbare (Wind und Photovoltaik), Absatz (Handels- und Vertriebsaktivitäten), Netz (Aktivitäten der APG) sowie alle sonstigen Segmente (das sind thermische Erzeugung, Services und Beteiligungen zusammengefasst).

Das Kerngeschäft basiert auf der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, wobei über 90 Prozent aus Wasserkraft stammen. Das Portfolio umfasst Lauf- und Speicherkraftwerke in Österreich und Bayern sowie zunehmend Wind- und Solarparks in ausgewählten europäischen Märkten. Der Vertrieb erfolgt sowohl an Großkunden, Weiterverteiler als auch an Endverbraucher in Österreich und Deutschland.

Die Verbund-Strategie 2030, operationalisiert durch das Strategie-Programm Mission V, basiert auf drei strategischen Säulen, die jeweils einen wesentlichen Beitrag zur Dekarbonisierung des Energiesystems leisten:
- Stärkung des integrierten Heimmarkts (Österreich/Deutschland): Im Heimmarkt strebt Verbund an, die Position als integrierter Energieversorger zu stärken, Wasserkraft weiter auszubauen, Pumpspeicherkapazitäten zu erweitern und Industrie sowie Endkunden bei der Energiewende durch grünen Strom und Lösungen für die Dekarbonisierung zu begleiten. Parallel erfolgt der notwendige Ausbau der Netzinfrastruktur.
- Ausbau erneuerbarer Energien in Europa: Durch den Ausbau neuer erneuerbarer Stromerzeugungsanlagen im Bereich Windkraft und Photovoltaik in ausgewählten Zielmärkten Europas strebt Verbund bis 2030 an, rund 25 Prozent der gesamten Stromerzeugung aus diesen Energiequellen zu generieren. Dies erfolgt durch Eigenentwicklung in Österreich, Deutschland und Südosteuropa sowie durch strukturierte M&A-Aktivitäten und Partnerschaften in Märkten wie Spanien und Italien.
- Positionierung als europäischer Wasserstoffplayer: Verbund positioniert sich als Partner für grünen Wasserstoff zur Dekarbonisierung energieintensiver Industrien. Das Unternehmen engagiert sich in Großprojekten wie dem Wasserstoffimport aus Nordafrika über den SoutH2 Corridor oder den Aufbau von Elektrolyse-Anlagen.
Dementsprechend plant der Verbund umfangreiche Investitionen in neue erneuerbare Energien im Rahmen der Mission V, mit dem oben skizzierten Fokus auf Wind, Solar und Wasserstoff.

Der Investitionsplan (CapEx-Plan) sieht für den Zeitraum 2026–2028 insgesamt 6,8 Mrd. Euro vor. Davon fließen 2,1 Mrd. Euro in Wind und Photovoltaik, 1,35 Mrd. Euro in Wasserkraftausbau sowie 2,2 Mrd. Euro in die Stromleitungsinfrastruktur. Bis 2030 plant Verbund Investitionen von rund 15 Mrd. Euro in die Energiewende, die zu 8 TWh zusätzlicher grüner Stromerzeugung führen sollen.

Eigentümer und Management von Verbund
Die Eigentümerstruktur der Verbund AG ist seit der Teilprivatisierung 1988 durch ein stabiles Mehrheitseigentum der öffentlichen Hand geprägt. 51 Prozent der Anteile befinden sich verfassungsrechtlich verankert im Eigentum der Republik Österreich, während die restlichen 49 Prozent seit dem Börsengang an der Wiener Börse gehandelt werden. Die größten Anteilseigner sind EVN AG und die Wiener Stadtwerke (Stadt Wien) mit rund 25 Prozent sowie der Land Tirol mit 5 Prozent. Der Streubesitz umfasst weniger als 20 Prozent und wird von institutionellen Investoren wie Vanguard oder BlackRock dominiert. Diese Struktur sichert einerseits den strategischen Einfluss des Staates auf das für die Energieversorgung Österreichs zentrale Unternehmen, ermöglicht aber gleichzeitig durch die Börsennotierung Zugang zu Kapital und unterliegt der Disziplin des Kapitalmarktes.

Der Vorstand der Verbund AG besteht seit Januar 2024 aus vier Mitgliedern. Michael Strugl wurde als Vorstandsvorsitzender bestätigt und für weitere fünf Jahre wiederbestellt. Strugl ist seit 2019 im Vorstand der Verbund AG, seit 2021 Vorsitzender des Vorstands. Vor seiner Tätigkeit bei Verbund war Strugl als Landesrat und Landeshauptmannstellvertreter in der oberösterreichischen Landespolitik tätig. Peter F. Kollmann wurde als Finanzvorstand für vier Jahre mit Verlängerungsoption wiederbestellt und gleichzeitig zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden ernannt. Achim Kaspar ist seit 2019 Mitglied des Vorstands der Verbund AG und verantwortet den Erzeugungsbereich Wasserkraft sowie die Bereiche Digitalisierung und Arbeitssicherheit. Als viertes Vorstandsmitglied kam im Januar 2024 Susanna Zapreva-Hennerbichler neu in den Vorstand. In ihre Ressortverantwortung fallen die Energieerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft sowie der Bereich Wasserstoff.

Branchenprofil und Wettbewerbssituation
Die österreichische Energieversorgerbranche präsentiert sich als stark fragmentierte, aber gleichzeitig auf wenige große Player konzentrierte Struktur. In Österreich gibt es rund 140 verschiedene Stromanbieter und rund 40 verschiedene Gasversorger, die Haushalte beliefern, wobei einige Angebote österreichweit verfügbar sind, andere wiederum nur regional.
Österreich kommt im internationalen Energiehandel innerhalb Europas eine bedeutende Rolle als Transitland zu, da ein großer Teil der Importe Westeuropas aus dem Nahen Osten, der Vorkommen in der Kaukasus-Region und der Vorkommen in Russland Österreich durchqueren. Die Struktur der österreichischen Energieversorger folgt einem föderalen Muster. Neben dem überregionalen Verbund gibt es in Österreich neun Energieversorger im zumeist mehrheitlichen oder vollständigen Eigentum der Länder, darunter Wien Energie, EVN, Burgenland Energie, Energie Steiermark, Energie AG Oberösterreich, Salzburg AG, KELAG Kärnten, TIWAG (Tirol) und illwerke vkw (Vorarlberg). Diese regionalen Versorger sind häufig als Multi-Utility-Unternehmen aufgestellt und betätigen sich nicht nur in der Energieversorgung, sondern auch in anderen Bereichen wie Wasserversorgung, Abfallentsorgung, Verkehr oder Telekommunikation.
Ein direkter Vergleich der Verbund AG mit anderen österreichischen Energieversorgern anhand von Kennzahlen ist aus mehreren strukturellen Gründen problematisch. Der fundamentale Unterschied liegt im Geschäftsmodell und der strategischen Ausrichtung. Die Verbund AG deckt über 40 Prozent des österreichischen Strombedarfs und gewinnt 90 Prozent ihrer Erzeugung aus Wasserkraft, zudem besitzt und betreibt der Konzern über die APG das überregionale Stromnetz in Österreich. Die Verbund AG ist primär als Großerzeuger und Großhändler positioniert. In Österreich hat der Verbund bei Strom mit seinen rund 375.000 Kunden im Kleinkundensegment einen Marktanteil von nur 7 Prozent, im Großkundensegment hingegen von rund 20 Prozent. In Deutschland ist Verbund der führende Grünstromanbieter für Wiederverkäufer und Großkunden. Dies zeigt deutlich, dass Verbund sich auf die Großhandelsebene konzentriert und nicht primär auf die Endkundenversorgung.
Im Gegensatz dazu sind die regionalen Energieversorger wie EVN, Wien Energie oder die Energie AG Oberösterreich als integrierte regionale Versorger aufgestellt, die sich auf die flächendeckende Versorgung von Endkunden in ihrem jeweiligen Bundesland spezialisieren. Die ebenfalls börsengelistete EVN AG fokussiert sich auf die niederösterreichische Energieversorgung und versorgt Unternehmen und Haushalte mit Strom, Gas und Wärme, darüber hinaus ist sie auch in den Bereichen Wasser, Abfallverwertung sowie Kabelplus, technische Dienstleistungen und Telekommunikation tätig. Diese Multi-Utility-Struktur macht regionale Versorger zu diversifizierten Infrastrukturdienstleistern, während Verbund ein spezialisierter Energieerzeuger und Netzbetreiber ist.
Auch die Größenordnungen sind fundamental unterschiedlich. Im Jahr 2025 erzielte die Verbund AG einen Nettoumsatz in Höhe von rund 8 Mrd. Euro, während die größten regionalen Versorger Umsätze zwischen zwei und vier Mrd. Euro erwirtschaften. Diese Größenunterschiede spiegeln sich in allen Kennzahlen wider und machen direkte Vergleiche schwierig.
Schließlich unterscheiden sich auch die Wertschöpfungsstufen erheblich. Die Verbund AG ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Großerzeugung über den überregionalen Transport bis zum Großhandel aktiv, während regionale Versorger stärker auf Verteilnetze, Endkundenvertrieb und regionale Dienstleistungen fokussiert sind. Ein Vergleich von Margen, Kapitalintensität oder Renditen würde daher unterschiedliche Geschäftsmodelle und nicht die relative Performance vergleichen.
Chancen & Risiken
Die Verbund AG präsentiert sich aus Investorensicht als ambivalentes Investment mit substanziellen Chancen im Rahmen der Energiewende, aber auch mit spezifischen, teils erheblichen Risiken, die eine differenzierte Betrachtung erfordern.
Die fundamentale Investmentthese für Verbund basiert auf der privilegierten Positionierung im Kontext der europäischen Energiewende. Als größter Wasserkraftproduzent Europas deckt Verbund rund 50 Prozent des österreichischen Strombedarfs und profitiert von der Grünen Energiewende, die stabile Wachstumstreiber schafft und durch regulatorische Förderungen die Nachfrage nach grünem Strom ankurbelt. Die Stromerzeugung aus Wasserkraft bietet dabei einen strukturellen Wettbewerbsvorteil, da die variablen Kosten deutlich unter jenen fossiler Kraftwerke liegen und keine Kosten für CO₂-Zertifikate anfallen. Dies schafft eine robuste Gewinnmarge, insbesondere in Zeiten hoher Strompreise.
Ein zentraler Wachstumstreiber ist die strategische Diversifikation in neue erneuerbare Energien. Das Ziel, bis 2030 rund 25 Prozent der Stromerzeugung aus Wind- und Photovoltaik zu generieren, öffnet ein signifikantes Wachstumsfeld. Diese Expansion erfolgt sowohl durch Eigenentwicklung in Österreich und Deutschland als auch durch gezielte M&A-Aktivitäten und Partnerschaften in attraktiven europäischen Märkten wie Spanien und Italien. Die geografische Diversifikation mindert das Konzentrationsrisiko im österreichischen Heimmarkt und erschließt Regionen mit höherer Sonnen- und Windausbeute.

Als besonders vielversprechend könnte sich die strategische Positionierung im Wasserstoffsektor erweisen. Der Verbund forciert die Erzeugung, den Transport und die Nutzung von grünem Wasserstoff und adressiert dabei die gesamte Wertschöpfungskette, wobei der Fokus auf „Hard-to-abate-Emissionen“ wie in den Branchen Stahl, Chemie und Düngemittelproduktion liegt. Das Unternehmen hat bereits mehrere konkrete Projekte initiiert, darunter Partnerschaften mit Borealis, voestalpine, und Westfalen sowie das ambitionierte H2 Notos-Projekt in Tunesien, das über den „SoutH2 Corridor“ Zugang zum europäischen Markt erhalten soll. Diese Projekte positionieren Verbund als integraler Partner für die Dekarbonisierung für die europäische Industrie und öffnen ein potenziell hochprofitables neues Geschäftsfeld.
Ein weiterer strategischer Vorteil liegt in der Netzinfrastruktur. Die hundertprozentige Tochtergesellschaft APG betreibt das österreichische Hochspannungsnetz und generiert regulierte, weitgehend strompreisunabhängige Erträge. Das Netz ist im Unterschied zur Wasserkraft strompreisunabhängig und reguliert und reagiert damit anders auf Preis- und Trockenheitsrisiken. Diese Diversifikation schafft eine stabilisierende Ertragskomponente, die das volatile Erzeugungsgeschäft ausbalanciert.
Den substanziellen Chancen stehen jedoch erhebliche Risiken gegenüber, die das Investmentprofil der Verbund AG komplexer gestalten als bei vielen vergleichbaren Energieversorgern. Das fundamentalste Risiko ist die Abhängigkeit von der Wasserführung. Nach Angaben von Vorstand Kollmann war 2025 das vierttrockenste Jahr seit 1926, wobei die Wasserführung 30 Prozent unter dem Vorjahr lag. Im Jahr 2025 lag der Erzeugungskoeffizient der Laufwasserkraftwerke mit 0,79 um 0,30 unter dem Wert des Vorjahres und um 0,21 unter dem langjährigen Durchschnitt, was zu einem Rückgang der Erzeugung aus Wasserkraft um 24,2 Prozent führte. Diese hydrologische Volatilität ist kein temporäres Phänomen, sondern wird durch den Klimawandel strukturell verschärft. Für ein Unternehmen, dessen Ergebnisstruktur wesentlich von Wasserkraft abhängt, stellt dies ein unmittelbares Ergebnis- und Planungsrisiko dar, das durch Diversifikation nur graduell gemindert werden kann.
Ein zweites erhebliches Risiko sind regulatorische Eingriffe in Form von Gewinnabschöpfungen. Die Aufwendungen für die Gewinnabschöpfung betrugen in der Berichtsperiode 2025 insgesamt 136 Mio. Euro und belasteten das Ergebnis zusätzlich. Diese politisch motivierten Abschöpfungen reduzieren die Ertragskraft des Unternehmens direkt und schaffen regulatorische Unsicherheit. Investoren müssen das Risiko einkalkulieren, dass solche Maßnahmen bei künftigen Strompreisspitzen erneut implementiert werden, was die Vorhersehbarkeit der Cashflows erheblich beeinträchtigt.

Ein drittes signifikantes Risiko ergibt sich aus rechtlichen Auseinandersetzungen um Preisgestaltung. Das Oberlandesgericht Wien hat die Preisänderungsklausel der Verbund AG rechtskräftig für unzulässig erklärt, was zu Rückzahlungsverpflichtungen führte. Rund 320.000 Stromkunden der Verbund AG erhalten Geld zurück, wobei ein durchschnittlicher Haushalt mit einem Stromverbrauch von 3.300 kWh 90 Euro erhält. Diese Urteile schaffen nicht nur direkte finanzielle Belastungen, sondern auch Reputationsrisiken und Unsicherheit bezüglich künftiger Preisgestaltungsmöglichkeiten im Endkundengeschäft.
Schließlich bestehen erhebliche Ausführungsrisiken bei den ambitionierten Investitionsprogrammen. Die geplanten Pumpspeicherprojekte und der Ausbau neuer erneuerbarer Energien sind mit hohen Kapitalaufwendungen verbunden und unterliegen Genehmigungs-, Bau- und Zeitrisiken. Verzögerungen bei Genehmigungsverfahren, mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz und steigende Baukosten können die Rentabilität dieser Projekte erheblich beeinträchtigen.
Die Finanzen von Verbund
Nachdem wir uns einen Überblick über die Branche im Allgemeinen verschafft sowie das Unternehmen, das Management und den Wettbewerb näher betrachtet haben, blicke ich in die Bilanz und den daraus abgeleiteten Finanzkennzahlen der Verbund AG. Der Fokus liegt hierbei auf den Aspekten Wachstum, Profitabilität und – bei Versorgern besonders wichtig – die Finanzierung.
Zur Analyse der finanziellen Situation sehe ich mir im ersten Schritt die Entwicklung von Umsatz, Gewinn und Free Cashflow an. Im Durchschnitt wuchs die Top-Line in den letzten fünf Jahren um 13,2 Prozent p.a.

Beim Gewinn pro Aktie erkennen wir seit zehn Jahren eine dynamische Entwicklung nach oben. Ziehen wir jedoch das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 heran, so sank der bereinigte Gewinn pro Aktie um 25,5 Prozent (4,24 vs. 5,69 Euro), aufgrund der deutlich gesunkenen Stromproduktion aus Wasserkraft und der negativen Effekte aus der verlängerten Gewinnabschöpfung in Österreich. Der Verbund erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 1,49 Mrd. Euro (2024: 1,88 Mrd. Euro).

Der dem Unternehmen zur Verfügung stehende Free Cashflow kann für Kapitalinvestitionen in organisches Wachstum, Forschung und Entwicklung, Rückzahlung von Schulden, Expansion durch Unternehmenszukäufe, Ausschüttungen von (steigenden) Dividenden oder Aktienrückkäufe verwendet werden. In absoluten Zahlen zeigt sich das Zusammenspiel aus operativem, freiem Cashflow sowie den kaum vorhandenen Kapitalinvestitionen (CapEx) im Zeitraum 2016 bis 2025 wie folgt. Auf dem ersten Blick sieht dieses Bild besorgniserregend aus. Einschränkend sei an dieser Stelle aber erwähnt, dass bei kapitalintensiven Geschäftsmodellen mit hohen Wartungsaufwänden der Free Cashflow keine Aussagekraft besitzt.

Ein Blick auf die Verschuldungssituation zeigt, dass auf Basis des letzten Geschäftsjahres Verbund einen Anteil an zinstragenden Finanzverbindlichkeiten von 2,56 Mrd. Euro aufweist, dem wiederum liquide Mittel und Wertpapiere von in Summe 0,75 Mrd. Euro gegenüberstehen. Teilen wir nun die verbleibenden Nettoschulden von 2,32 Mrd. Euro durch das zuletzt erwirtschaftete EBITDA von 2,72 Mrd. Euro, so ergibt sich ein Wert von 0,9. Dieses Ergebnis liegt deutlich unter dem als kritisch erachteten Schwellenwert von 3. Wenn wir den für diesen spezifischen Investment Case relevanten Branchenkontext mitberücksichtigen, sind Werte in doppelter Höhe vom Standard (≥6) für die Versorgerbranche keine Seltenheit.

Um das Thema Verschuldung und Fremdfinanzierung abzuschließen, werfe ich einen Blick auf das Zinsprofil und die Fälligkeitsstruktur der laufenden Verbindlichkeiten. Schließlich gilt es einzuschätzen, wie stark verwundbar das Unternehmen auf die anhaltend hohen – und womöglich wieder steigenden – Leitzinsen erscheint und inwiefern Neufinanzierungen bzw. Umschuldungen der bestehenden Schulden in näherer Zukunft anstehen. Bis Ende 2030 werden von den langfristigen Verbindlichkeiten insgesamt lediglich 460 Mio. Euro fällig. Die durchschnittliche Verzinsung des Fremdkapitals liegt bei niedrigen 2,3 Prozent.

Zuletzt betrachte ich die Profitabilität von Verbund anhand der Entwicklung von Brutto-, Operative- und Netto-Margen. Der Aufwärtstrend in den letzten Jahren folgt einem volatilen Muster, was unmittelbar mit den erheblichen Strompreisschwankungen zusammenhängt.

Aktuelle Bewertung der Verbund Aktie
Für die Bewertung von Unternehmen ziehe ich den sogenannten Enterprise Value (EV) heran. Der EV kennzeichnet bei einer Übernahme den Betrag, der für den Kauf des betriebsnotwendigen Vermögens benötigt wird und das nicht-betriebsnotwendige Vermögen herausrechnet. Diese Kennzahl setze ich ins Verhältnis zur operativen Ertragskraft (vor Steuern, Zinsen und Investitionen (CapEx)), ausgedrückt durch das EBITDA. Die vorherrschende Meinung besagt, dass ein Wert von unter 10 eine „gesunde“ Bewertung signalisiert – wie immer bei generischen Daumenregeln muss der unternehmensindividuelle Kontext in der Analyse vom sorgfältigen Investor mitgedacht werden. Im Fall von Verbund sehen wir, dass ein EV/EBITDA von 9,4 im Kontext der letzten fünf Jahre eine passable Kaufgelegenheit darstellt:

Der maximale Rückgang in den letzten zehn Jahren lag bei ca. 45 Prozent zu Beginn dieses Jahres:

Im Zehnjahreszeitraum brachte ein Investment in die Verbund-Aktie gemessen am Total Return inklusive erhaltener Dividenden, eine Gesamtperformance von rund 675 Prozent für den Anleger:

Die Kapitalallokation von Verbund
Trotz der massiven Investitionsoffensive verfolgt Verbund eine aktionärsfreundliche Dividendenpolitik. Bei der Betrachtung der Dividendenhistorie fällt auf, dass der Verbund eine dem Geschäftserfolg entsprechend schwankende Dividende ausschüttet.

Besonders bemerkenswert ist die jüngste Entscheidung bezüglich einer Sonderdividende. Der mehrheitlich staatliche Stromkonzern Verbund will eine Sonderdividende in Höhe von rund 400 Millionen ausschütten, wobei der Vorstand der ordentlichen Hauptversammlung im April vorschlagen wird, für das Geschäftsjahr 2025 zusätzlich zur regulären Dividende (2,80 Euro je Aktie) eine Sonderdividende in Höhe von 1,15 Euro je Aktie auszuschütten. Diese Entscheidung erfolgt vor dem Hintergrund politischer Debatten und Druck des staatlichen Eigentümers über die Entlastung von Stromkunden.
Bei einem aktuellen Kurs von 66,35 Euro errechnet sich eine Dividendenrendite von 4,2 Prozent. Abschließend die letzten fünf Jahre an Dividendenausschüttungen im Überblick:

Die jährlich ausgeschüttete Dividende beträgt aktuell 2,80 Euro pro Aktie und wird im Mai ausbezahlt. Ziehen wir den Durchschnittswert des Free Cash-Flow der letzten drei Jahre als Grundlage für die Ermittlung der Ausschüttungsquote heran, landen wir bei einem Ergebnis von 100 Prozent für das Payout Ratio. Auf Gewinnebene sehen wir eine Ausschüttungsquote von ca. 66 Prozent. Für Versorger ist diese Referenzgröße der relevante Maßstab, da in der Regel abseits der Kapitalinvestitionen der gesamte Cashflow an die Anteilseigner ausgeschüttet wird.
In den letzten 15 Jahren gab es kein Aktienrückkaufprogramm, was im Allgemeinen für Versorger und insbesondere mit Blick auf den hohen Besitzanteil der öffentlichen Hand kaum verwundert. In aktuellen Berichten und Investor-Relations-Dokumenten (z. B. Jahresergebnis 2025, Zwischenberichte) wird kein laufendes oder neues Programm erwähnt; der Fokus liegt auf Kapitalinvestitionen im Rahmen der oben beschrieben Unternehmensstrategie und Dividendenausschüttungen.

