Wie jeden Monat schauen wir an dieser Stelle nicht auf die Schlagzeilen, sondern auf die Zahlen. Und die Zahlen erzählen aktuell eine erstaunlich ruhige Geschichte. Der S&P 500 notiert nahe seinem Allzeithoch, die Volatilität liegt am Boden. Wer in den vergangenen Wochen vor allem die Krisenmeldungen verfolgt hat, dürfte sich wundern, dass der Markt davon so wenig wissen will. Genau diese Diskrepanz zwischen gefühlter Lage und tatsächlichem Risiko ist für uns als Stillhalter der interessanteste Teil.
VIX und VVIX: Der Markt preist keine Sorgen ein
Der VIX, das Angstbarometer des Marktes, handelt heute knapp unter 19. Damit liegen wir weiter klar unterhalb der psychologisch wichtigen 20er-Marke. Erinnert euch: Anfang März stand der VIX im Zuge der Iran-Krise kurzzeitig bei 35. Wer sich davon nicht aus dem Konzept bringen ließ, hat die anschließende Normalisierung sauber mitgenommen. Inzwischen ist von diesem Spike nichts mehr übrig.

Mindestens genauso wichtig ist für uns der zweite Blick, der auf den VVIX. Der VVIX misst die erwartete Schwankung des VIX selbst, also gewissermaßen die Volatilität der Volatilität. Er ist von seinen Hochs über 140 im März auf aktuell rund 95 zurückgekommen und hält sich dort. Das ist ein niedriges Niveau. Im Klartext: Die institutionellen Absicherer kaufen keine teuren VIX-Calls, niemand positioniert sich gerade für einen Volatilitätssprung. Es gibt unter der Oberfläche keine Anspannung, die der VIX an der Oberfläche noch verschweigt.

Damit ergibt sich das gleiche Bild wie schon in den vergangenen Wochen: VIX niedrig, VVIX niedrig, keine Divergenz zwischen beiden. Das ist in Summe bullisch für den Aktienmarkt, jedes Signal für sich und erst recht in der Kombination.
Der Fahrplan für den Sommer
An unserem Fahrplan halten wir deshalb fest. Wir denken in drei Phasen, und wir wissen jederzeit, in welcher wir uns befinden.
Phase 1, die heutige Situation. VIX und VVIX sind niedrig, der Markt steht nahe am Allzeithoch. Alles bullisch. Hier bleiben wir in Index und Einzelaktien long und sammeln Prämien ein. Wichtig: auf Einzelaktien, nicht auf den Index. Die Indexprämien sind bei diesem Vola-Niveau schlicht zu dünn, um das verbleibende Risiko zu rechtfertigen. Wer hier breit aus dem Geld Puts auf den Index verkauft, bekommt für viel Risiko sehr wenig bezahlt.
Phase 2, die erste Divergenz. An der Oberfläche bleibt es ruhig, unter der Oberfläche fängt die Volatilität an, ein anderes Bild zu zeichnen. Der klassische Fall ist ein VVIX, der anzieht, während der VIX noch schläft. Diese Phase zieht sich erfahrungsgemäß über Tage bis Wochen, es ist keine Eile geboten. Wir nutzen sie, um das Depot aufzuräumen und bewusst Risiko herauszunehmen. Short Puts sind dann ein No-Go, stattdessen kommen Absicherungen ins Depot.
Phase 3, die Bewegung. Der Markt fällt, die Volatilität zieht weiter an. Jetzt wird es operativ, denn am Vola-Hoch entstehen die besten Stillhalter-Gelegenheiten des Jahres. Wann es so weit ist, lässt sich nicht erzwingen. Einen Hinweisgeber liefert uns aber die Saisonalität: Historisch zieht die Volatilität typischerweise erst gegen Ende Juli an. Der Sommer beginnt also in der Regel ruhig und endet unruhiger. Wir handeln keinen Kalender, aber wer weiß, in welchen Wochen der Markt erfahrungsgemäß kippt, schaut zur richtigen Zeit genauer hin.
Kurz gesagt: Wir warten ab. Vola long oder Hedging bauen wir erst auf, wenn wir klare Signale oder Divergenzen sehen. Diese Geduld hat uns in den letzten Wochen davor bewahrt, mit zu früh aufgesetzten Positionen Geld zu verlieren.
Zucker: Ein Rohstoff, der über die COT-Daten interessant wird
Während es am Aktienmarkt also vor allem ums Abwarten geht, lohnt sich diesen Monat ein Blick zur Seite, auf den Zuckermarkt. Sugar No. 11 (TWS-Kürzel: SB) notiert aktuell bei rund 13,4 US-Cent je Pfund und damit nahe an seinen Mehrjahres-Tiefs. Allein das ist noch kein Grund, long zu gehen, günstig kann immer günstiger werden.
Interessant wird es erst im Zusammenspiel mit den COT-Daten. Die Commitments of Traders zeigen, wie die großen Marktteilnehmer positioniert sind, und genau hier sehen wir bei Zucker erste Anzeichen, die für die Long-Seite sprechen. Die Positionierung der kommerziellen Händler, also derer, die den Markt am besten kennen, hat sich aus ihrem Extrem herausgearbeitet. Solche Konstellationen gingen in der Vergangenheit häufig Bodenbildungen voraus.

Dazu kommt ein zweiter Baustein: die Terminstruktur. Die Zucker-Futures notieren in einem sauberen Contango, die späteren Kontrakte sind also teurer als die nahen. Eine ansteigende Kurve bei einem Rohstoff nahe seiner Tiefs ist ein konstruktives Bild, das die These von der Long-Seite stützt.

Wir sehen darin keinen Selbstläufer und auch kein fertiges Signal, sondern einen Hinweisgeber, der Zucker auf unsere Watchlist hebt. Für uns als Stillhalter ist ein tief bewerteter Rohstoff mit unterstützenden COT-Daten und intakter Terminstruktur vor allem ein Kandidat für die Long-Seite über verkaufte Puts. Wie wir so etwas konkret umsetzen, mit Strike, Laufzeit und Cashflow-Rechnung, halten wir den Lesern des Optionsbriefs vor.
Fazit
Der Aktienmarkt bleibt im ruhigen Fahrwasser, solange VIX und VVIX keine Divergenz bilden. Wir bleiben long auf Einzelaktien, jagen aber keine dünnen Indexprämien und halten unser Pulver für die unruhigeren Wochen trocken, die uns die Saisonalität ab Ende Juli nahelegt. Abseits der Aktien ist es der Zuckermarkt, der diesen Monat über die COT-Daten unsere Aufmerksamkeit bekommt.
Den vollständigen Fahrplan mit Szenario-Plänen und der Börsenampel halten wir laufend aktuell. Wer tiefer in das Zusammenspiel aus VIX, VVIX und Terminstruktur einsteigen will, ist in unserem kostenlosen Live-Webinar mit CapTrader richtig.
