Das Wichtigste in Kürze
- Wienerberger ist der weltweit größte Ziegelproduzent, in Europa Marktführer bei Tondachziegeln und einer der führenden Anbieter von Kunststoffrohren
- Externes Wachstum durch Zukäufe ist eine Kernsäule der Strategie des Aufstiegs zum Weltmarktführer und prägt das Unternehmen seit Ende der 1980er-Jahre
- CEO Heimo Scheuch übernahm das Ruder mitten in der Finanzkrise und gilt als Architekt der Transformation vom reinen Ziegelhersteller zum Systemanbieter. Seine Neuausrichtung auf Profitabilität und Effizienz trägt Früchte – seit 2015 schreibt Wienerberger nachhaltig Gewinne
- Das Unternehmen verfolgt eine disziplinierte, am Free Cashflow ausgerichtete Kapitalallokation mit klarer Rangfolge: organisches Wachstum und wertschaffende Akquisitionen, eine stabile Dividende und opportunistische Aktienrückkäufe
- Wenn Sie mehr von Clemens Faustenhammer lesen möchten, dann geht es hier zum DGI Musterdepot

Wer ist die Wienerberger?
Der Süden Wiens und der angrenzende Speckgürtel sind nicht nur für astronomisch hohe Grundstückspreise und Österreichs größtes Einkaufszentrum bekannt, sondern beheimaten mit der Wienerberger AG den weltweit größten Ziegelproduzenten. Seit über 200 wechselhaften Jahren beliefert der Konzern aus dem österreichischen Leitindex ATX seine internationale Kundschaft mit diversen Baumaterialien.
Die Geschichte von Wienerberger beginnt 1819, als der niederösterreichische Bauingenieur Alois Miesbach die staatliche Ziegelei am Wienerberg im Süden Wiens erwarb – die reichen tonhaltigen Lehmvorkommen der Region bildeten die Rohstoffbasis. Nach Miesbachs Tod 1857 übernahm sein Neffe Heinrich von Drasche-Wartinberg das Unternehmen und brachte es auf knapp 10.000 Mitarbeiter. Bereits 1860 wurde der erste Ringofen installiert, dessen ringförmige Bauweise eine energiesparende, nahezu durchgehende Produktion erlaubte; im Laufe der Jahre entwickelte sich Wienerberger zur größten Ziegelfabrik Europas.

Seit 1869 notiert das Unternehmen an der Wiener Börse. Da die ebenso im Baugeschäft tätige PORR AG eine Woche früher am Kurszettel notierte, ist Wienerberger bis heute die zweitälteste börsengelistete Firma Österreichs. Nach dem Börsengang lag der Fokus über mehr als 100 Jahre in Österreich. Während des Baubooms in der sogenannten Gründerzeit und begleitet von sozialen Konflikten wegen der teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Ziegelfabriken, gedieh das Unternehmen und entstanden neue Werke im heutigen Ungarn und Kroatien. Mit dem Zerfall der k.u.k.-Monarchie als Folge des Ersten Weltkriegs fiel das ursprüngliche Absatzgebiet weg. Entsprechend lag der Ziegelabsatz 1924 nur noch bei einem Drittel des Vorkriegsniveaus. Weitere Zäsuren waren der Zweite Weltkrieg sowie eine kurze Phase staatlicher Verwaltung nach 1945. Dann kam es zum Wiederaufbau, in dem weitreichende Kreditvergaben das Fundament des erfolgreichen Aufschwungs legten. In den 1950er-Jahren installierte Wienerberger hochmoderne Tunnelöfen und leistete damit Pionierarbeit.
Neue Produktinnovationen und -diversifikation, der Verkauf eines Teils des großen Immobilienbesitzes (u.a. an die Gemeinde Wien für die Erschließung neuer Stadtentwicklungsgebiete) sowie eine tiefgreifende Reorganisation in Richtung Gesamtlösungsanbieter schärften das Unternehmensprofil. Wienerberger fokussierte sich seit Ende der 1980er-Jahre vor allem auf die Internationalisierung durch anorganisches Wachstum (Unternehmenszukäufe) und avancierte vom lokalen Branchenführer im Ziegelbereich zum tonangebenden Global Player. 1986 begann Wienerberger mit dem Aufbau internationaler Standorte und übernahm zunächst deutsche Hersteller, darunter die Firma Oltmanns, den damals europaweit führenden Porotonziegel-Produzenten. Ab 1990 folgte unmittelbar nach der Ostöffnung der Ausbau in den ehemaligen Ostblock-Ländern (zunächst Ungarn). Parallel verbreiterte sich das Portfolio erheblich: 1989 die Gründung des Pipelife-Joint-Ventures (Kunststoffrohre), 1996 der Aufbau des Vormauerziegel-Geschäfts (Terca) und der Einstieg bei Betonpflastersteinen (Semmelrock). Mit dem Erwerb von General Shale, einem führenden US-Ziegelproduzenten Ende der 1990er-Jahre, machte Wienerberger den Schritt zum Weltmarktführer.
In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts bewegt sich das Unternehmen zwischen Akquisitionen in Europa, bzw. in den USA, und selbst auferlegten Restrukturierungsprogrammen inklusive der Schließung unrentabler Werke. Mitten in der Finanzkrise übernahm mit Heimo Scheuch der noch heute amtierende CEO das Ruder. Er leitete eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells mit klarer Wachstumsstrategie zur Erhöhung von Profitabilität und Effizienz ein. Seit 2015 schreibt Wienerberger nachhaltig Gewinne.
Im März 2024 schloss Wienerberger schließlich die größte Akquisition seiner Geschichte ab: die Übernahme des Geschäfts von Terreal in Frankreich, Italien, Spanien und den USA sowie von Creaton in Deutschland. Damit kamen 28 Produktionsstandorte und rund 3.000 Mitarbeitende hinzu; das Unternehmen stärkte massiv sein Steildach-, Solar- und Renovierungsgeschäft. Wienerberger wurde so zum führenden europäischen Spezialisten für Steildächer, mit erwarteten zusätzlichen Jahresumsätzen von rund 740 Mio. Euro.
Heute ist Wienerberger ein international tätiger österreichischer Baustoffkonzern mit Hauptsitz in Wien und über 200 Werken in 28 Ländern. Im Geschäftsjahr 2025 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von rund 4,6 Mio. Euro bei mehr als 20.000 Mitarbeitern.
Geschäftsmodell und Strategie von Wienerberger
Wienerberger ist im Kern ein international tätiger Anbieter von Baustoff- und Infrastrukturlösungen, der sich von einem reinen Ziegelhersteller zu einem Komplettanbieter von Systemlösungen gewandelt hat. Das Unternehmen ist der weltweit größte Ziegelproduzent und in Europa Marktführer bei Tondachziegeln. Bei Kunststoffrohren zählt es zu den führenden Anbietern Europas.
Das Geschäftsmodell fußt auf zwei Produktwelten: Auf der einen Seite stehen Lösungen für die gesamte Gebäudehülle – also Wand-, Fassaden-, Dach- und Flächenbefestigungslösungen aus Ton und Beton, von tragenden Hintermauerziegeln über Vormauerziegel bis zu Tondachziegeln und Pflasterungen. Auf der anderen Seite steht das Infrastrukturgeschäft mit Rohrsystemen aus Kunststoff und Keramik für das Wasser- und Energiemanagement, das von Frischwasser und Bewässerung über Abwasser bis hin zu Energie- und perspektivisch Wasserstoff- und Biogasleitungen reicht. Operativ bündelt Wienerberger dies traditionell in den Bereichen Building Solutions und Piping Solutions sowie dem nordamerikanischen Geschäft, wobei die ursprünglich stark produktzentrierte Struktur zunehmend nach regionaler Zuordnung gesteuert wird. Das Segment Building Solutions ist umsatzseitig der größte und zugleich der profitabelste, überproportional zum EBITDA beitragende Bereich. Geografisch liegt der Schwerpunkt auf Europa und Nordamerika, ergänzt um einen Standort in Indien.

Strategisch verfolgt Wienerberger nach eigenem Bekunden die zentralen Geschäftsziele, die Wertschöpfung innerhalb des Konzerns zu steigern und sich zu einem Komplettanbieter von Systemlösungen im Energie- und Wassermanagement zu entwickeln. In den Endmärkten Europa und Nordamerika setzt das Unternehmen dabei auf den Ausbau der drei Kernsegmente Neubau, Renovierung und Infrastruktur. Gerade die Verlagerung hin zu Renovierung und Infrastruktur ist strategisch bedeutsam, weil sie das Geschäft weniger zyklisch macht und an strukturelle Treiber wie die energetische Gebäudesanierung, die Anpassung an den Klimawandel und die Energiewende koppelt.
Zur Umsetzung definiert das Unternehmen drei Wachstumssäulen. Erstens organisches Wachstum durch Innovation: Seit 2010 wuchs Wienerberger im Schnitt um mehr als 6 Prozent organisch pro Jahr. Die Transformation zum Systemanbieter treibt das Management durch eine kontinuierlich verbesserte Produktpalette und digitale Services voran. Zweitens Operational Excellence, also Effizienzsteigerungen in Fertigung, Vertrieb, Lieferkette und Verwaltung. Drittens externes Wachstum durch Übernahmen und Portfoliooptimierung, gestützt auf eine Akquisitionspipeline und die regelmäßige Überprüfung des Portfolios auf Wachstums- und Rentabilitätsaussichten. Diese M&A-Säule prägt das Profil maßgeblich – sichtbar etwa an der Vollübernahme von Pipelife, der Akquisition von Tondach Gleinstätten und zuletzt der Terreal/Creaton-Übernahme 2024, mit der das Steildach-, Solar- und Renovierungsgeschäft erheblich ausgebaut wurde.

Eigentümer und Management von Wienerberger
Beim Blick auf die Eigentümerstruktur ist das auffälligste Merkmal, dass Wienerberger keinen Ankeraktionär hat. Das Unternehmen ist eine reine Publikumsgesellschaft, deren Aktien sich zu 100 Prozent im Streubesitz befinden. Rund 109,5 Mio. Inhaberaktien werden im Prime Market nach dem Prinzip „one share – one vote“ gehandelt, ohne Vorzugs- oder Namensaktien. Laut der Aktionärsstrukturerhebung vom November 2025 halten private Anleger rund 14 Prozent der Aktien, während die große Mehrheit bei vorwiegend ausländischen institutionellen Investoren liegt. Die größten offengelegten Einzelpositionen stammen entsprechend von internationalen Vermögensverwaltern wie BlackRock und Amundi.
Beim Management dominiert die Figur des langjährigen CEO. Heimo Scheuch leitet das Unternehmen bereits seit 2009 und gilt als Architekt der Transformation vom Ziegelhersteller zum Systemanbieter. Der gebürtige Kärntner ist für die strategische und operative Entwicklung der Gruppe verantwortlich und bis zur Hauptversammlung 2029 bestellt. Der übrige Vorstand wurde zuletzt deutlich umgebaut: Dagmar Steinert wurde zur Finanzvorständin (CFO) bestellt und folgte zum 1. März 2025 auf Gerhard Hanke. Letzterer wiederum wechselte in die Position des COO für die Region Zentral & Ost, nachdem Solveig Menard-Galli aus dieser Position auf eigenen Wunsch zum Jahresende ausgeschieden war. Komplettiert wird der vierköpfige Vorstand von Harald Schwarzmayr als COO für die Region West.


Branchenprofil und Wettbewerbssituation
Wienerberger steht keinem homogenen Markt gegenüber, sondern konkurriert in mehreren, voneinander getrennten Produkt- und Regionalmärkten mit jeweils unterschiedlichen Rivalen. Im Bereich Wand und Fassade sind die direktesten börsennotierten Wettbewerber britische Ziegelhersteller: Im UK-Ziegelmarkt teilen sich im Wesentlichen Ibstock, Forterra und Wienerberger das Volumen. Bei Dachziegeln und im Steildachgeschäft sind die relevanten Konkurrenten dagegen überwiegend nicht börsennotiert (etwa Etex oder die BMI Group/Standard Industries), und mit der Terreal/Creaton-Übernahme hat Wienerberger einen wesentlichen Teil dieses Wettbewerbs ohnehin in sich selbst konsolidiert. Im Rohr- und Wasser-/Energiemanagementgeschäft trifft Wienerberger wiederum auf andere Namen – etwa das Schweizer Unternehmen Geberit als europäischen Marktführer im Sanitärbereich, den UK-Kunststoffrohrspezialisten Genuit sowie den nicht börsennotierten Branchenführer Aliaxis.
Auf der Ebene der großen, breit aufgestellten Konzerne werden häufig Holcim, Saint-Gobain und CRH als Hauptkonkurrenten genannt. Diese überschneiden sich jedoch nur teilweise: Holcim, CRH und Heidelberg Materials sind zementlastig sowie stark im Infrastruktur- und Nichtwohnbau, während Saint-Gobain näher am fertigen Gebäude (Glas, Dämmung, Innenausbau) sitzt und damit der Gebäudehüllen-Logik von Wienerberger noch am nächsten kommt. Geografisch ist Wienerberger europazentriert mit einer starken Position in Mittel-/Osteuropa, ergänzt um Nordamerika und Indien. Entscheidend für das Verständnis des Umfelds ist die Konsolidierungswelle der letzten Jahre, die das börsennotierte Vergleichsuniversum stark ausgedünnt hat. Ein Beispiel unter vielen ist die Übernahme von CSR durch Saint-Gobain.
Aus dieser Struktur ergeben sich mehrere Besonderheiten, auf die man hinweisen muss. Erstens lässt sich Wienerberger nicht über eine einzige, homogene Vergleichsgruppe abbilden; sinnvoll ist nur ein nach Produktsegmenten und nach Verwendungszweck der Peers gestaffelter Korb. Zweitens besteht ein erhebliches Größenproblem: CRH, Holcim und Heidelberg Materials sind ein Vielfaches größer als Wienerberger und taugen nicht als direkte Multiple-Vergleiche. Drittens muss das Endmarkt-Exposure übereinstimmen, denn wie erläutert verschiebt sich Wienerberger zunehmend in Richtung Renovierung und Wasser-/Energieinfrastruktur und ist damit weniger zyklisch als reine Neubau- oder Zementnamen.
Auf Basis dieser Faktoren ergeben sich für einen seriösen Wettbewerbsvergleich mehrere methodische Herausforderungen, sodass die direktesten operativen Wettbewerber kaum eine 1:1-Vergleichsbasis bieten und analog zum Beitrag über die Andritz AG eine fundierte Analyse auf Basis börsennotierter Unternehmen nicht sinnvoll erscheint.
Chancen & Risiken
Die größte Chance ist zugleich die Antwort auf das größte Risiko des Unternehmens, nämlich die inhärente Zyklik des Geschäftsmodells. Mehr als die Hälfte von Umsatz und Ergebnis stammt inzwischen aus Dachlösungen und Rohrsystemen, womit sich der Schwerpunkt weg vom klassischen Neubaugeschäft hin zu Märkten verschiebt, die von langfristigen Trends profitieren – Energie- und Wasserinfrastruktur sowie Gebäudesanierung. Selbst bei rückläufiger Neubautätigkeit hielt Wienerberger robuste Margen. Das margenstärkere Sanierungsgeschäft ist der explizite Fokus der jüngsten M&A-Aktivitäten des Managements. Mit der Übernahme der Italcer-Gruppe – einem führenden Hersteller hochwertiger keramischer Lösungen mit Standorten in Italien und Spanien – baut Wienerberger sein Renovierungsgeschäft und sein Angebot für die gesamte Gebäudehülle, insbesondere im Markt für Verblendsteinlösungen, aus. Dahinter steht der strukturelle Treiber der energetischen Gebäudesanierung im Sog des EU Green Deal.
Der Infrastrukturbereich ist die stabilste Säule und zugleich ein Wachstumsfeld. Mit der Ende April 2026 abgeschlossenen Übernahme der Northern Environmental and Water Solutions Group (NEWS Group) erweiterte Wienerberger seine Kompetenzen im Wassermanagement um einen führenden Anbieter nachhaltiger Abwasserlösungen in Skandinavien. Das Management verwies auf die wachsende Nachfrage nach nachhaltigen, dezentralen Abwasserlösungen, angetrieben durch neue regulatorische Anforderungen und den Modernisierungsbedarf alternder Infrastruktur. Dazu kommen Klimaanpassung (Regenwassermanagement) und die Energiewende inklusive wasserstoff-/biogasfähiger Leitungen.
Mit dem modernisierten, nahezu CO₂-neutralen Ziegelwerk in Uttendorf, in dem der weltweit größte elektrische Industrieofen installiert wurde, ermöglicht Wienerberger die europaweit nachhaltigste Ziegelproduktion. Strategisch flankiert wird das durch das Ziel, bis Ende 2026 drei Viertel der Umsätze mit Produkten zu erzielen, die einen Beitrag zu Netto-Null-Gebäuden leisten. Der wertschaffende M&A-Beitrag ist eine Kernsäule der Strategie. Der fragmentierte Markt bietet Gelegenheiten, die Wienerberger nutzt, indem es zur Stärkung der Wettbewerbsposition als aktiver Player an der Branchenkonsolidierung mitwirkt.
Mit Werken in Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien sowie freien Kapazitäten bei Ziegeln, Dachziegeln und Kunststoffrohren ist Wienerberger für einen möglichen Wiederaufbau der Ukraine besonders gut positioniert. Nach dem wetterbedingt schwachen Jahresstart belebte sich die Nachfrage im Frühjahr bereits deutlich, weshalb Wienerberger seine Prognose bestätigt und ab dem zweiten Quartal mit einer sequenziellen Erholung rechnet.
Auf der Risikoseite bleibt der in Wellen verlaufende Konjunkturzyklus das dominierende Thema. Historisch hängt Wienerberger stark am Wohnungsneubau, und dieser war 2025 flächendeckend in nahezu allen Endmärkten schwach. In Nordamerika fielen die Verkäufe bestehender Häuser wegen hoher Hypothekarzinsen und eingeschränkter Leistbarkeit auf ein 30-Jahres-Tief, wobei auch Kanada zurückblieb. Verschärfend kommt hinzu, dass das Management für 2026 selbst von keiner strukturellen Erholung im Wohnungsneubau und von stagnierenden Infrastruktur- und Sanierungsmärkten ausgeht.
Zudem erweist sich die keramische Produktion als energieintensiv. Im Geschäftsjahr 2025 beliefen sich die Energiekosten auf über 380 Mio. Euro bzw. 8,5 Prozent des Umsatzes. Die Energiekosten sind zu über 80 Prozent „gehedged". Die Umstellung auf emissionsarme Produktion (etwa Elektroöfen) erfordert hohen Investitionsaufwand. Die CO₂-Bepreisung sowie verschärfte Bauvorschriften und Nachweispflichten erhöhen die laufenden Kosten. Spürbar sind auch stark gestiegene Kunststoffpreise, die das Wasser- und Energiemanagementgeschäft belasten, sowie höhere Transport- und Lohnkosten – wogegen Wienerberger mit Preiserhöhungen ankämpft. Allerdings lassen sich in schwachen Märkten solche Kosten nur begrenzt weitergeben.
Die geopolitische Lage ist ein eigenständiger Risikofaktor – nach dem einmaligen Gewinnrückgang durch den Verkauf des Russland-Geschäfts betrifft das aktuell vor allem den Nahost-Konflikt: Das Unternehmen räumt eine begrenzte Visibilität hinsichtlich der ganzjährigen Auswirkungen ein, da dieser Inflationsrisiken bei Harzen, Energie und Transportkosten sowie potenzielle Lieferkettenstörungen birgt.
Die offensive Akquisitionsstrategie bringt Integrations- und Verschuldungsrisiken mit sich. Die Italcer-Übernahme erhöht die Nettoverschuldung um rund 400 Mio. Euro auf etwa zwei Mrd. Euro. Das Management plant, die Verschuldungsquote bis Jahresende 2026 durch Working-Capital-Reduktion, reduzierte Investitionsausgaben und Immobilienverkäufe wieder zu senken. Zudem könnten Integrationskosten die kurzfristigen Vorteile der Übernahmen teilweise aufzehren.
Die Finanzen von Wienerberger
Nachdem wir uns einen Überblick über die Branche im Allgemeinen verschafft sowie das Unternehmen, das Management und den Wettbewerb näher betrachtet haben, blicke ich in die Bilanz und die daraus abgeleiteten Finanzkennzahlen von Wienerberger. Der Fokus liegt hierbei auf den Aspekten Wachstum, Profitabilität und der Finanzierung.
Zur Analyse der finanziellen Situation sehe ich mir im ersten Schritt die Entwicklung von Umsatz, Gewinn und Free Cashflow an. Im Durchschnitt wuchs die Top-Line in den letzten fünf Jahren um 3 Prozent p.a.

Beim Gewinn pro Aktie erkennen wir seit fünf Jahren insgesamt eine sehr dynamische Entwicklung sowohl nach oben als auch nach unten. Ziehen wir jedoch das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 heran, so sank der bereinigte Gewinn pro Aktie um 20,5 Prozent (1,63 vs. 2,05 Euro). Wienerberger erzielte 2025 einen Nettogewinn von 166 Mio. Euro.

Der dem Unternehmen zur Verfügung stehende Free Cashflow kann für Kapitalinvestitionen in organisches Wachstum, Forschung und Entwicklung, Rückzahlung von Schulden, Expansion durch Unternehmenszukäufe, Ausschüttungen von (steigenden) Dividenden oder Aktienrückkäufe verwendet werden. In absoluten Zahlen zeigt sich das Zusammenspiel aus operativem, freiem Cashflow sowie den Kapitalinvestitionen (CapEx) im Zeitraum 2016 bis 2025 wie folgt:

Ein Blick auf die Verschuldungssituation zeigt, dass auf Basis des letzten Geschäftsjahres Wienerberger zinstragende Finanzverbindlichkeiten von 1,92 Mrd. Euro aufweist, dem wiederum liquide Mittel und Wertpapiere von in Summe 0,23 Mrd. Euro gegenüberstehen. Daraus ergibt sich eine Nettoverschuldung von 1,69 Mrd. Euro. Im Verhältnis zum EBITDA von 0,64 Mrd. Euro errechnet sich ein Ratio von 2,6. Dieser branchenabhängige Wert liegt unter der als kritisch angesehenen Schwelle von 3.

Zuletzt betrachte ich die Profitabilität von Wienerberger anhand der Entwicklung von Brutto-, Operativ- und Netto-Margen. Mit dem zyklischen Geschäftsmodell geht je nach Konjunktursentiment ein von Volatilität geprägtes Margenprofil einher. Basierend auf den Daten der vergangenen fünf Jahre konnte Wienerberger die Netto-Marge teilweise auf über 10 Prozent ausbauen, ehe der Wert in den letzten Jahren auf unter 3 Prozent sank.

Aktuelle Bewertung der Wienerberger-Aktie
Für die Bewertung von Unternehmen ziehe ich den sogenannten Enterprise Value (EV) heran. Der EV kennzeichnet bei einer Übernahme den Betrag (also den Marktwert), der für den Kauf des betriebsnotwendigen Vermögens benötigt wird, wobei das nicht betriebsnotwendige Vermögen herausgerechnet wird. Diese Kennzahl setze ich ins Verhältnis zum operativen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA). Die Heuristik und vorherrschende Meinung besagen, dass ein Wert von unter 10 eine „gesunde“ Bewertung signalisiert – wie immer bei generischen Daumenregeln muss der unternehmensindividuelle Kontext in der Analyse vom sorgfältigen Investor mitgedacht werden. Im Fall von Wienerberger sehen wir, dass ein EV/EBITDA von 7,6 im Kontext der letzten fünf Jahre keine günstige Kaufgelegenheit darstellt. Im Jahr 2023 konnte man die Wienerberger-Aktie für ein Multiple unter 4 erwerben:

Der maximale Rückgang in den letzten zehn Jahren lag bei ca. 52 Prozent im Jahr 2020:

Im Zehnjahreszeitraum brachte ein Investment in die Wienerberger-Aktie, gemessen am Total Return inklusive erhaltener Dividenden, eine Gesamtperformance von rund 90 Prozent für den Anleger:

Die Kapitalallokation von Wienerberger
Wienerberger folgt einer disziplinierten, am Free Cashflow ausgerichteten Kapitalallokation mit klarer Rangfolge. Zuerst fließt Kapital in profitables organisches Wachstum (Investitionen in Innovation und ein effizientes Produktionsnetzwerk) sowie in wertschaffende Akquisitionen und aktive Portfoliooptimierung. Dabei hält das Unternehmen an einem Verschuldungsziel von rund 2,0x Nettoverschuldung/operatives EBITDA fest. Den verbleibenden Spielraum gibt Wienerberger über eine klar definierte Ausschüttungspolitik an die Aktionäre zurück: Geplant ist, 20 bis 40 Prozent des Free Cashflows einzusetzen und dabei Dividenden mit Aktienrückkäufen zu kombinieren. Konkret bedeutet das eine zumindest stabile Dividende, ergänzt um Aktienrückkäufe als festen Bestandteil der Strategie.

Trotz des kapitalintensiven Geschäftsmodells verfolgt Wienerberger eine aktionärsfreundliche Dividendenpolitik. Bei der Betrachtung der Dividendenhistorie fällt auf, dass Wienerberger seit der Finanzkrise 2008/09 die Dividende nicht mehr gesenkt hat.


Bei einem aktuellen Kurs von 23,62 Euro errechnet sich eine Dividendenrendite von 4 Prozent auf Basis der regulären Dividende. Abschließend die Dividendenausschüttungen der letzten Jahre im Überblick:

Die jährlich ausgeschüttete Dividende beträgt aktuell 0,95 Euro pro Aktie und wurde im Mai ausbezahlt. Ziehen wir den Durchschnittswert des Free Cashflows der letzten drei Jahre als Grundlage für die Ermittlung der Ausschüttungsquote heran, landen wir bei einem moderaten Ergebnis von 33 Prozent für das Payout-Ratio.

