Was für ein Unterschied zum April. Vor vier Wochen haben wir an dieser Stelle noch über Death Cross, OVX bei 90 und einen brüchigen Waffenstillstand mit dem Iran geschrieben. Heute notiert der S&P 500 nahe seinem Allzeithoch, der VIX liegt deutlich unter 20, und die Volatilität schickt klare bullische Signale. Was sich verändert hat, warum wir die Lage trotz hoher Bewertung als hochbullisch einschätzen, und welche Stillhalter-Strategien aktuell wirklich Sinn ergeben.
S&P 500 – Allzeithoch erreicht
Mitte Mai hat der S&P 500 mit 7.517 Punkten ein neues Allzeithoch markiert. Aktuell notiert der Index leicht darunter im Bereich von 7.400, eine moderate Konsolidierung von rund 1,5 Prozent vom Hoch. Auf Monatssicht steht der S&P 500 rund 4,6 Prozent im Plus, auf Sicht der letzten zwölf Monate bei rund 25 Prozent. Das technische Bild hat sich gegenüber dem April fundamental verändert. Das Death Cross aus dem März ist längst aufgelöst, der Index notiert klar über dem 50- und 200-Tage-Durchschnitt, und die Marke von 7.000, die im April noch als wichtiger Widerstand galt, ist als Unterstützung bestätigt.

Spannender als der Index selbst ist die Sektorrotation darunter. Technology führt auf Monatssicht mit +9,4 Prozent, gefolgt von Energy mit +8,2 Prozent. Auf der Verliererseite stehen die klassisch defensiven Bereiche: Utilities mit -5,5 Prozent, Basic Materials mit -5,4 Prozent, Healthcare mit -3,5 Prozent. Innerhalb des Tech-Sektors sticht ein Segment besonders hervor: Software-Aktien. Der IGV-ETF, den wir im April noch als ATM-Setup mit hoher Prämie vorgestellt hatten, läuft inzwischen wieder mit voller Wucht. Werte wie Salesforce, ServiceNow, Adobe und Workday haben in den letzten Wochen zweistellig zugelegt. Wer den IGV-Trade aus dem April mitgemacht hat, sitzt mittlerweile auf einem deutlich gestiegenen ETF.
VIX-Terminstruktur – Contango ist zurück
Hier wird es wirklich spannend. Der VIX-Spot notiert aktuell bei rund 17 bis 18 Punkten, das ist ein deutlicher Rückgang von den 25 bis 30, die wir während der Iran-Eskalation gesehen haben. Noch interessanter ist die Form der VIX-Futures-Terminstruktur, die wir uns auf vixcentral.com angeschaut haben.

Die Kurve steigt vom Mai-Future bei rund 20,15 sauber an: Juni 20,30, Juli 21,66, August 22,17, September 22,50, und so weiter bis Dezember bei 22,67. Das ist klassisches Contango, und zwar in einer Ausprägung, die wir vor Wochen noch nicht hatten. Damals war die Kurve durch die Iran-Krise teilweise invertiert oder flach. Heute zeigt sie ein gesundes Bullenmarkt-Profil mit ausgeprägter Steilheit am vorderen Ende.
Was bedeutet das? Der Markt rechnet aktuell nicht mit einem kurzfristigen Vola-Schock. Die Aufschläge zwischen den einzelnen Monaten sind substanziell, vor allem am vorderen Ende der Kurve, wo Mai zu Juni um über 6 Prozent ansteigt. Für alle, die Produkte wie den VXX handeln, bedeutet das: Der Roll-Yield arbeitet kräftig gegen Long-Positionen. Wer aktuell VXX-Calls oder Bull Call Spreads als Absicherung kauft, zahlt eine Prämie ohne realistische Aussicht auf einen Schadensfall, solange die Vola nicht überraschend nach oben schießt. Dieser Effekt lässt sich aber wie immer für die Gegenrichtung nutzen: Bear Call Spreads auf VXX bleiben in dieser Konstellation ein interessantes Setup, allerdings mit reduzierter Positionsgröße, weil das absolute Vola-Niveau bereits niedrig ist.
Das bullische Signal vom Montag
Eines der spannendsten technischen Signale der letzten Wochen hat sich am Montag dieser Woche gebildet. Der VIX ist um über 3 Prozent gefallen, obwohl der S&P 500 ebenfalls im Minus schloss. Das ist eine klassische bullische Divergenz und besonders aussagekräftig, weil der VIX nach dem Wochenende montags strukturell eher zu leicht positiven Werten neigt. Eine bullische Divergenz nahe am Allzeithoch ist kein Zufall, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Marktinternen weiterhin tragen und die Marktteilnehmer trotz hoher Indexstände weniger Absicherung kaufen.
Erdöl und OVX – Beruhigung mit Restrisiko
Beim Öl hat sich die Lage gegenüber dem April spürbar beruhigt, ohne dass sie endgültig stabil wäre. Brent notiert aktuell bei rund 108 Dollar, deutlich unter den 119 Dollar im April-Hoch, aber immer noch ein Stück über dem langjährigen Durchschnitt. Der OVX, der Volatilitätsindex auf Rohöl, hat sich entsprechend zurückgebildet, liegt aber weiterhin im erhöhten Bereich.
Die Straße von Hormus bleibt das Damoklesschwert über dem Markt. Solange das Iran-Thema nicht endgültig vom Tisch ist, bleibt die Ölvolatilität die größte Einzelquelle für Marktstress. Aktuell hat sich der Markt mit dem Status quo arrangiert. Sollte sich die Lage erneut zuspitzen, würden wir das zuerst am OVX und an der VIX-Terminstruktur sehen, die dann von Contango ins Backwardation kippen würde.
Was bedeutet das für Stillhalter?
Hier kommt die unbequeme Wahrheit für alle, die in den letzten Monaten Cash Secured Puts mit fetten Prämien verkauft haben. Diese Phase ist vorerst vorbei. Bei einem VIX unter 20 und Aktienkursen nahe ihrer Allzeithochs sind die Optionsprämien dünn geworden, die Vola-Theta-Ratio arbeitet für tiefe OTM-Optionen ungünstig, und das Risiko-Ertrags-Verhältnis ist deutlich weniger attraktiv als noch vor sechs Wochen.
Was das konkret heißt: Bestehende Short-Put-Positionen werden bei 50 bis 70 Prozent vereinnahmter Prämie konsequent geschlossen, nicht bis zum Verfall ausgesessen. Neue CSPs eröffnen wir aktuell nur sehr selektiv, und wenn dann näher am Geld als gewohnt. Bei niedriger Vola gehört der Stillhalter näher ans Geld, nicht weiter weg. Ein Delta-30- oder Delta-40-Put auf eine solide Aktie hat in dieser Phase ein deutlich gesünderes Verhältnis aus Prämie und Vega-Risiko als ein Delta-10-Put auf demselben Underlying. Der Reflex „bei niedriger Vola gehe ich lieber sicher und nehme Delta-10" ist eine der häufigsten Fallen, die wir bei Stillhaltern beobachten. Mathematisch ist das Gegenteil richtig.
Statt aggressiv weiter Stillhalter zu spielen, ist die aktuelle Marktphase eine Phase für direkte Aktienpositionen. Wer den Bullenmarkt mitnehmen will, kauft Aktien long und genießt die steigenden Kurse. Wer Stillhalter-Power vorhalten will, schafft Platz im Depot, indem er bestehende Short-Positionen schrittweise schließt. Dieser Platz wird wertvoll, sobald die Volatilität wieder anzieht. Dann sind wir frei, bei einem hohen Vola-Niveau erneut Puts zu verkaufen, mit deutlich besseren Prämien als heute.
Worauf wir jetzt achten
Drei Variablen bestimmen die nächsten Wochen.
Erstens die Fed. Die nächste Sitzung am 16. und 17. Juni wird die erste echte Standortbestimmung der neuen Fed-Führung, nachdem Powells Amtszeit Mitte Mai planmäßig endete. Der Markt rechnet aktuell nicht mehr mit weiteren Zinssenkungen in diesem Jahr. Eine überraschend taubenhafte Botschaft könnte den Bullenmarkt zusätzlich befeuern, eine restriktive Aussage würde dagegen schnell für nervöse Bewegungen sorgen.
Zweitens die Inflation. Die Headline-Inflation ist auf 3,8 Prozent gestiegen, der höchste Wert seit knapp drei Jahren. Hauptursache sind die Energiepreise, die durch die Iran-Situation gestützt bleiben. Solange die Straße von Hormus ein Risikofaktor bleibt, wird die Inflation nicht zurück Richtung 2-Prozent-Ziel kommen. Das schränkt den geldpolitischen Spielraum weiter ein.
Drittens der VVIX. Solange der VVIX unter 100 bleibt und die VIX-Terminstrukturkurve in sauberem Contango notiert, bleiben wir bullisch positioniert. Sobald der VVIX nachhaltig über 100 steigt und institutionelle Hedge-Aktivität sichtbar wird, würden wir das Tempo herausnehmen und wieder über Absicherungstrades nachdenken, wie wir sie vor Beginn des Iran-Konflikts aufgesetzt hatten.n schrittweise schließt. Dieser Platz wird wertvoll, sobald die Volatilität wieder anzieht. Dann sind wir frei, bei einem hohen Vola-Niveau erneut Puts zu verkaufen, mit deutlich besseren Prämien als heute.
Fazit
Die Lage hat sich gegenüber dem April fundamental gedreht. Der Bullenmarkt ist zurück, die Volatilität ist am Boden, und vieles spricht für weiter steigende Aktienkurse in naher Zukunft. Den Blick auf Inflation und Zinsen sollte man trotzdem nicht verlieren, hier könnte es in den nächsten Monaten zu Verwerfungen kommen. Aber das muss uns der VIX erst anzeigen, bevor wir reagieren.
Bis dahin bleibt unsere Linie klar: bullisch mit Direktinvestments in Aktien, Cash Secured Puts schrittweise im Gewinn schließen, und genug Platz im Depot freihalten, um beim nächsten Vola-Anstieg wieder offensiv mit Stillhalter-Strategien einzusteigen. Die nächste Phase der hohen Prämien kommt bestimmt. Bis dahin lassen wir uns vom Bullen tragen.
