Das Wichtigste in Kürze
- Die UNIQA hat sich neben dem Branchenprimus VIG in den zentral- und osteuropäischen Versicherungsmärkten etabliert
- Profitables Zwei-Säulen-Modell mit bewusst asymmetrischem Wachstum. Österreich liefert ein ertragsstabiles Fundament; die elf CEE-Märkte mit Polen an der Spitze tragen die Dynamik
- Das Gesundheits-Ökosystem ist das zentrale Differenzierungsmerkmal. Mavie verbindet Krankenversicherung, Spitäler und digitale Gesundheitsleistungen zu einem Modell, das in dieser Form kein europäischer Wettbewerber bietet
- Mit einer Solvenzquote von rund 275 Prozent bewegt sich die UNIQA weit oberhalb ihres eigenen Zielkorridors. Dank des üppigen Kapitalpolsters könnten weitere Akquisitionen finanziert werden. Aktionäre partizipieren über die progressive Dividende bei 50 bis 60 Prozent Ausschüttungsquote
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Wer ist die UNIQA Group?
Ein einzelnes Gründungsdatum lässt sich für die UNIQA Group nicht bestimmen: Sie ist das Ergebnis mehrerer Fusionsstränge, deren ältester bis 1811 zurückreicht – in jenes Jahr fällt die Gründung der Salzburger Landes-Versicherung, worauf der Konzern seinen Verweis auf eine über 200 Jahre währende Tradition stützt. Hinzu kommen der 1860 gegründete Austria Versicherungsverein, der ab 1948 als größter privater Krankenversicherer Österreichs galt, sowie die 1899 gegründete Krankenunterstützungskasse Collegialität. Den eigentlichen Grundstein legte allerdings die 1922 gegründete Versicherungsanstalt der österreichischen Bundesländer, kurz Bundesländer-Versicherung, die sich 1975 an der Salzburger Landes-Versicherung beteiligte.
Der Weg an den Kapitalmarkt begann im Oktober 1990, als die Bundesländer-Versicherung stimmrechtslose Vorzugsaktien im Nominale von 72,5 Millionen Schilling emittierte. Der Streubesitz blieb zunächst schmal. Parallel dazu lief die Konsolidierung der österreichischen Vorgängergesellschaften: 1991 schlossen sich Austria und Collegialität zum Konzern Austria-Collegialität zusammen, 1993 folgte die engere Verschränkung der Bundesländer-Versicherung mit der Raiffeisen Versicherung, die als 99,5-prozentige Tochter geführt wurde. 1997 entstand aus Bundesländer-, Austria-, Raiffeisen- und Collegialität-Versicherung die BARC, und 1999 schließlich die gemeinsame Dachmarke UNIQA, für die die Traditionsmarken Austria-Collegialität und Bundesländer-Versicherung aufgegeben wurden. Ab dem 8. November 1999 firmierte die börsennotierte Gesellschaft als UNIQA Versicherungen AG.
Das folgende Jahrzehnt stand im Zeichen einer konsequenten Internationalisierung nach Zentral- und Osteuropa (CEE). Nach dem Erwerb der italienischen Assicurazioni La Carnica im Jahr 2000 sicherte sich UNIQA 2001 die Mehrheit an der polnischen Polonia und benannte die Gesellschaften in Tschechien und der Slowakei um; 2002 kam die ungarische Funeuropa hinzu. 2003 übernahm UNIQA den österreichischen AXA-Konzern samt Gesellschaften in Ungarn und Liechtenstein, erhielt von der deutschen R+V deren Anteile in Polen und der Slowakei und schloss ein erweitertes Rahmenabkommen mit der EBRD. Es folgten Astra in Rumänien und Vitosha in Bulgarien (2005), Zepter Osiguranje in Belgrad und Credo-Classic in Kiew (2006), Sigal in Tirana samt Töchtern in Mazedonien und im Kosovo (2007), UNITA in Bukarest (2008) und die Neugründung der Raiffeisen Life in Moskau (2009).
Die für den Kapitalmarkt entscheidende Zäsur kam 2011: Zum 1. Juli übernahm ein neues Vorstandsteam unter Andreas Brandstetter und entwickelte die Wachstumsstrategie UNIQA 2.0. 2012 folgten eine Barkapitalerhöhung über 500 Mio. Euro, der Rückkauf der EBRD-Minderheiten in Kroatien, Polen und Ungarn sowie die Trennung von Medien- und Hotelbeteiligungen. Im Mai 2013 stieg UNIQA Österreich nach der Fusion mehrerer heimischer Einheiten mit 14 Prozent Marktanteil zum größten Versicherer des Landes auf, im Juli wurde die Holding auf UNIQA Insurance Group AG umfirmiert, und im Oktober brachte der bewusst als zweiter Börsengang inszenierte Re-IPO einen Bruttoerlös von über 750 Mio. Euro. Infolgedessen stieg der Streubesitz auf 35,4 Prozent. Am 24. März 2014 wurde die Aktie in den ATX aufgenommen, im selben Monat wurde die Übernahme der Baloise-Gesellschaften in Kroatien und Serbien abgeschlossen.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts brachte Fokussierung statt Expansion. Im Jänner 2016 startete UNIQA das mit rund 500 Mio. Euro größte Investitions- und Innovationsprogramm der Firmengeschichte, überwiegend für Geschäftsmodell-Redesign und IT-Modernisierung. Im selben Jahr wurde die Konzernstruktur radikal verschlankt: Der Holding-Vorstand schrumpfte von fünf auf drei Mitglieder, die vier österreichischen Erstversicherer wurden auf UNIQA Österreich verschmolzen, die Vorstandsmandate in Österreich sanken von 22 auf 10. Zugleich übernahm die UNIQA Privatstiftung einen 17,64-Prozent-Anteil der RZB, während Syndikat und Raiffeisen-Vertriebskooperation bestehen blieben. Der Italien-Ausstieg wurde im Dezember 2016 beschlossen und im Mai 2017 vollzogen, 2018 folgte der Verkauf des 11,4-prozentigen Casinos-Austria-Anteils an die tschechische Sazka-Gruppe.
Der größte Einzelschritt der Unternehmensgeschichte fiel in die Pandemiejahre. Im Februar 2020 unterzeichnete UNIQA den Kaufvertrag über die AXA-Töchter in Polen, Tschechien und der Slowakei – rund 1 Mrd. Euro für etwa 5 Mio. Kunden, 1.200 Mitarbeitende und rund 800 Mio. Euro Prämienvolumen. Im selben Jahr wurden die börsennotierte Holding sowie UNIQA Österreich und UNIQA International in einer Gesellschaft zusammengeführt. Mit dem Abschluss der rechtlichen Verschmelzung im September 2021 stieg UNIQA zum Top-5-Player in der CEE-Region auf, flankiert von der Strategie UNIQA 3.0 „Seeding the Future".
Seither dominiert Portfoliobereinigung bei gleichzeitiger Ertragssteigerung. Im Oktober 2024 schloss UNIQA den Verkauf von Raiffeisen Life ab und zog sich aus Russland zurück und im Juni 2025 folgte der Verkauf der Gesellschaften in Albanien, im Kosovo und in Nordmazedonien – womit die Sigal-Akquisition von 2007 wieder abgestoßen wurde. Am 10. Dezember 2025 jährte sich die Börsennotiz zum 35. Mal. Heute betreuen rund 14.400 Mitarbeitende und exklusive Vertriebspartner in 14 Ländern mehr als 17 Mio. Kunden. In Österreich ist UNIQA mit rund 21 Prozent Marktanteil die zweitgrößte Versicherungsgruppe nach der Vienna Insurance Group.

Geschäftsmodell und Strategie der UNIQA
Das Geschäftsmodell der UNIQA lässt sich als das eines klassischen Erstversicherers beschreiben, der entlang zweier Achsen organisiert ist: nach Sparten und nach Regionen. Die Gruppe ist in nahezu allen Versicherungssparten tätig und vertreibt ihre Produkte über sämtliche Kanäle – firmeneigenen Außendienst, Generalagenturen, Makler, Banken- und Direktvertrieb. Berichtet wird in den regional unterteilten Segmenten UNIQA Österreich und UNIQA International, ergänzt um das Rückversicherungsgeschäft, das seit 2003 in der Schweiz angesiedelt ist und sowohl konzerninterne Deckungen als auch Geschäft mit Dritten umfasst.

Der Prämienmix zeigt, woher das Geschäftsvolumen stammt. 2025 stiegen die verrechneten Prämien inklusive der Sparanteile der fonds- und indexgebundenen Lebensversicherung um 8,2 Prozent auf rund 8,3 Mrd. Euro; davon entfielen 5 Mrd. auf die Schaden- und Unfallversicherung, 1,7 Mrd. auf die Lebensversicherung und 1,6 Mrd. auf die Krankenversicherung. Regional entfielen im Geschäftsjahr 2025 58 Prozent der Konzernumsätze auf UNIQA Österreich und 42 Prozent auf UNIQA International.

Geografisch folgt UNIQA einer expliziten Zwei-Säulen-Logik, hinter der zwei sehr unterschiedliche Wachstumsdynamiken stehen. Als zweitgrößte Versicherungsgruppe in Österreich agiert die UNIQA auf einem gesättigten, aber ertragsstabilen Heimmarkt, der das Fundament bildet. In CEE ist UNIQA in elf Ländern präsent. Polen hat sich seit der AXA-Übernahme 2020 zum wichtigsten Wachstumstreiber entwickelt, mit sieben Gesellschaften und schätzungsweise 7,5 Mio. Kunden. Ein Alleinstellungsmerkmal im Vertrieb ist die enge Verzahnung auf mehreren Ebenen mit dem Raiffeisensektor: Die Raiffeisenbanken sind Vertriebspartner und führen mit der Raiffeisen Versicherung sogar eine eigene Vertriebsmarke, während die Raiffeisen Bank International mit 10,9 Prozent an UNIQA beteiligt ist.

Mit der Gründung der Mavie Holding im September 2022 bündelte UNIQA ihre über das klassische Versicherungsgeschäft hinausgehenden Gesundheitsaktivitäten und schuf ein „Ökosystem Gesundheit". Mavie Med betreibt Privatkliniken, Ärztezentren und Ambulatorien und versorgte 2025 rund 52.000 stationäre und 135.000 ambulante Patienten; das UNIQA Health Service unterhält mit LARA ein Netzwerk von rund 7.500 Partnern für Beratung, Diagnostik und Prävention; Mavie Next entwickelt neue Geschäftsmodelle. Der Ansatz stützt sich damit auf drei Säulen – Krankenversicherung, Spitäler und innovative Gesundheitsleistungen. Im Mai 2025 stieg die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien als strategischer Partner bei Mavie Next ein. Kurz vor Jahresende 2025 übernahm Mavie Next 70 Prozent am tschechischen Anbieter uLekare.cz, der führenden digitalen Gesundheitsplattform in Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Ökonomisch verlängert das die Wertschöpfungskette der Krankenversicherung, erschließt Nicht-Kunden und schafft einen zweiten, versicherungsfremden Ertragsstrom, wenngleich dieser mit einer Umsatzambition von rund 100 Mio. Euro im Konzernmaßstab noch klein ist.
Die Unternehmensstrategie firmiert unter „UNIQA 3.0 – Growing Impact 2025–2028" und wurde Ende 2024 am Kapitalmarkttag in London vorgestellt. Kern sind profitables Wachstum, weitere Effizienzsteigerungen und der Ausbau der starken Marktposition in Österreich und CEE; übergeordnetes Ziel ist es, UNIQA als diversifiziertes und dividendenstarkes Unternehmen mit nachhaltigem Prämien-, Ergebnis- und Ausschüttungswachstum zu positionieren. Nach knapp einem Jahr wurden die Ziele bereits nachgeschärft: Seit dem Kapitalmarkt-Update im November 2025 gelten ein jährliches Prämienwachstum von sechs statt fünf Prozent, ein Konzernergebniswachstum von mindestens sieben statt sechs Prozent pro Jahr, eine Netto-Combined-Ratio von höchstens 93 Prozent, eine Eigenkapitalrentabilität von über 13 Prozent sowie eine Solvency-II-Quote von 180 bis 230 Prozent bis 2028.

Eigentümer und Management der UNIQA
Wer die Eigentümerstruktur der UNIQA analysiert, muss zunächst verstehen, dass UNIQA trotz ATX-Notiz keine Publikumsgesellschaft im klassischen Sinn mit hohem Streubesitz ist. Die Kontrolle liegt bei zwei Stiftungen und dem Raiffeisensektor, die ihre Anteile vertraglich gebündelt haben. Größte Aktionärin ist die UNIQA Versicherungsverein Privatstiftung (Gruppe) mit 49 Prozent. Die beiden Stiftungen sind keine Familien- oder Finanzvehikel, sondern die Rechtsnachfolger der alten Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Daneben hält die Raiffeisen Bank International 10,9 Prozent und die Collegialität Versicherungsverein Privatstiftung 3,7 Prozent. Zwischen der UNIQA Versicherungsverein Privatstiftung, der Austria Versicherungsverein Beteiligungs-Verwaltungs GmbH, der Collegialität Versicherungsverein Privatstiftung und der RZB Versicherungsbeteiligung GmbH besteht ein Stimmrechtsbindungsvertrag samt wechselseitigen Vorkaufsrechten. Damit ist eine dauerhafte Kontrollmehrheit abgesichert; der Streubesitz liegt seit dem Re-IPO 2013 praktisch unverändert bei gut einem Drittel.

Im Vorstand ist die Kontinuität außergewöhnlich. Andreas Brandstetter gehört dem Vorstand seit 2002 an und führt ihn seit 2011; vor UNIQA leitete der promovierte Politikwissenschaftler das EU-Büro des Österreichischen Raiffeisenverbands in Brüssel, 2018 wurde er zum Präsidenten von Insurance Europe gewählt. Seit 1. Juli 2020 ist er zusätzlich Vorstandsvorsitzender der UNIQA Österreich Versicherungen AG. Auch CFO/CRO Kurt Svoboda ist seit 1. Juli 2011 im Vorstand, während Wolfgang Kindl, René Knapp, Peter Humer und Wolf-Christoph Gerlach seit 1. Juli 2020 vertreten sind und Sabine Pfeffer als siebtes Mitglied hinzukam. Der Vorstand wurde zuletzt bewusst verkleinert: Mit dem plangemäßen Ausscheiden von Peter Eichler und Erik Leyers zum 30. Juni 2024 sank die Zahl von neun auf sieben, wobei Gerlach die Agenden von Leyers übernahm und Knapp jene von Eichler.
Der Aufsichtsrat spiegelt die Eigentümerstruktur unmittelbar wider. Den Vorsitz führt seit Juni 2023 Burkhard Gantenbein, der auf den langjährigen RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner folgte. Bemerkenswert ist dabei die Personalunion: Gantenbein wurde 2020 Vorstandsvorsitzender der UNIQA-Privatstiftung, nachdem Brandstetter und Eichler ihre Doppelfunktionen in der Eigentümerstiftung zurückgelegt hatten. Umgekehrt rückte Peter Eichler nach seinem Ausscheiden aus dem UNIQA-Vorstand zum 1. Juli 2024 in den Stiftungsvorstand nach. Bei der 27. ordentlichen Hauptversammlung am 9. Juni 2026 wurden zwei Mandate neu besetzt: Michael Höllerer, seit Juli 2026 RBI-Vorstandsvorsitzender, folgte auf den scheidenden RBI-Chef Johann Strobl. Bernhard Breunlich übernahm das Mandat von Markus Andréewitch.

Branchenprofil und Wettbewerbssituation
Das Wettbewerbsumfeld der UNIQA zerfällt in mindestens zwei, genau genommen vier Spielfelder mit völlig unterschiedlicher Struktur – und daraus entstehen die Probleme bei der Peer-Group-Bildung. Der Heimatmarkt ist reif, wachstumsschwach und stark konzentriert. Österreichs Versicherer erzielten 2025 verrechnete Prämien von 22,3 Mrd. Euro. Die Zahl der im VVO-Ranking erfassten Anbieter sank von 42 auf 38, weil die Bawag P.S.K. Versicherung mit der Generali fusioniert wurde, HDI Leben und Nexible das Geschäft einstellten und Atradius den Verband verließ. An der Spitze steht – auf Ebene der Einzelinstitute – die UNIQA mit 20,8 Prozent, gefolgt von der Wiener Städtischen mit 16,9 Prozent, der Generali mit 14,7 Prozent und der Allianz Elementar mit 6,4 Prozent beziehungsweise 8 Prozent auf Gruppenebene. Vier Häuser decken damit rund 60 Prozent ab – ein Oligopol, in dem Wachstum vor allem über Indexanpassungen, Preis und Konsolidierung entsteht, kaum über Marktanteilsverschiebungen.
Das zweite Spielfeld, CEE, ist das strukturelle Gegenteil: fragmentiert, wachstumsstark und länderweise völlig unterschiedlich besetzt. Marktführerin ist die VIG, die bereits 1990 in die Region expandierte und heute mit über 50 Gesellschaften in 30 Ländern präsent ist. Für einen Wettbewerbsvergleich heißt das: Auf Gruppenebene stehen sich UNIQA, VIG, Generali, Allianz und PZU gegenüber – auf Länderebene ist die Konkurrenz in Polen eine völlig andere als in Rumänien, Serbien oder Ungarn. Ein reiner Gruppenvergleich verdeckt das.
Zwei weitere Spielfelder werden regelmäßig übersehen. Erstens das Gesundheits-Ökosystem: Mit Mavie Med, dem UNIQA Health Service und Mavie Next konkurriert UNIQA hier nicht mit Versicherern, sondern mit Klinikbetreibern, Telemedizin-Plattformen und Anbietern betrieblicher Gesundheitsvorsorge. Zweitens die Rückversicherung – hier ist der Unterschied zur VIG groß: VIG Re betreute 2025 rund 660 Versicherungsgesellschaften in fast 70 Ländern, während die UNIQA Re in Zürich zwar wächst, aber eine deutlich kleinere Rolle spielt.
Im Kern bleibt als einziger wirklich belastbarer Einzelvergleich die VIG – gleicher Heimatmarkt, vergleichbare CEE-Ausrichtung, mit dem Vorbehalt, dass der Krankenversicherungsanteil und die Eigentümerstruktur abweichen. Hier der Link zum VIG-Porträt. Ausdrücklich keine Peers sind Allianz, AXA, Zurich und die großen Rückversicherer.
Chancen & Risiken
Die wichtigste Chance ist struktureller Natur und liegt in einem der beiden Kernmärkte. Das Management der UNIQA argumentiert konsequent damit, dass Zentral- und Osteuropa dynamischer wächst als die Eurozone. Entsprechend asymmetrisch sind die Ziele kalibriert: sechs Prozent Prämienwachstum pro Jahr im Konzern, getragen von vier Prozent in Österreich und acht Prozent international. Die Versicherungsdurchdringung in CEE liegt weiterhin deutlich unter westeuropäischem Niveau. Polen ist dabei zum wichtigsten Treiber geworden.
Zweitens hat die UNIQA einen operativen Hebel freigelegt, die noch nicht ausgereizt ist. Die Netto-Schaden-Kosten-Quote (Combined-Ratio) verbesserte sich 2025 von 93,1 auf 91,7 Prozent, das Konzernergebnis wuchs um 22,2 Prozent auf 424,8 Mio. Euro. Dass die Wachstums- und Profitabilitätsziele nach weniger als einem Jahr Laufzeit der Strategie angehoben werden konnten, führt das Unternehmen auf die konsequente Umsetzung der strategischen Maßnahmen zurück.
Drittens verfügt die UNIQA über einen erheblichen Puffer in Form von Überschusskapital. Die Solvency-II-Quote lag Ende 2025 bei rund 275 Prozent gegenüber einem Zielband von 180 bis 230 Prozent bis 2028 – eine Überdeckung, die Zukäufe in einem noch fragmentierten CEE-Markt finanzieren könnte, ohne den Kapitalmarkt zu bemühen. Die Refinanzierung im Mai 2026 hat die Kapitalstruktur zusätzlich verbessert: Die zurückgekauften Altanleihen trugen Kupons von 6 Prozent, die neue Tier-2-Anleihe wird zehn Jahre lang mit 4,5 Prozent verzinst.
Die vierte und strategisch interessanteste Chance ist das Gesundheits-Ökosystem, weil es UNIQA aus dem reinen Prämienwettbewerb herausführt. Der Dreiklang aus Krankenversicherung, Spitälern und innovativen Gesundheitsleistungen gilt Branchenbeobachtern zufolge als signifikanter Wettbewerbsvorteil. Die Expansion läuft: Ende 2025 übernahm Mavie Next 70 Prozent am tschechischen Anbieter uLekare.cz, Anfang 2026 folgte Wellbeing Polska. Der Nachfragetrend spricht dafür – während die Krankenversicherung in Österreich etabliert ist, steht das Geschäft in CEE erst am Anfang, was UNIQA selbst als besonders großes langfristiges Wachstumspotenzial bezeichnet. Schließlich bleibt der Vertriebszugang ein schwer kopierbarer Vorteil: Die Raiffeisenbanken vertreiben UNIQA-Produkte unter eigener Marke, und mit dem Rückversicherungsstandbein besteht ein zusätzlicher Ertragspool.
Das offensichtlichste Risiko ist die Klimaexponierung. Hier ist Vorsicht bei der Interpretation des jüngsten Zahlenwerks geboten. Die exzellente Schaden-Kosten-Quote für 2025 lässt sich im Wesentlichen auf ein schadenarmes Jahr mit nur 106 Mio. Euro an Naturkatastrophenschäden zurückführen. CEO Brandstetter verwies darauf, dass es weniger Katastrophen gegeben habe als in der Vergangenheit. Ein Jahr wie 2024 mit dem Hochwasser „Boris" würde das Ergebnisniveau spürbar treffen.
Das zweite Risiko ist die geografische Konzentration, die zugleich die Wachstumsstory trägt. Das Ukraine-Engagement ist dabei größenmäßig – zuletzt rund sechs Prozent des Vorsteuerergebnisses von UNIQA International – beherrschbar, aber nicht von der Hand zu weisen. Die UNIQA ist seit 2006 mit zwei Gesellschaften in Kiew vertreten, wobei Kriegsschäden grundsätzlich nicht versicherbar sind und in direkt betroffenen Regionen keine kriegsbezogenen Risiken übernommen werden. Dass sich geopolitische Risiken materialisieren können, hat das Unternehmen bereits erfahren müssen: Im Oktober 2024 wurde der Verkauf von Raiffeisen Life abgeschlossen und der Rückzug aus Russland vollzogen.
Drittens bleibt der Heimatmarkt strukturell wachstumsschwach und lässt kaum Marktanteilsgewinne zu. Am österreichischen Markt stagnierte UNIQAs Marktanteil praktisch und der Abstand zum heimischen Branchenprimus VIG blieb unverändert. Wachstum entsteht hier über Indexanpassungen und Preisgestaltung, nicht über Verdrängung oder Konsolidierung.
Viertens die Governance-Struktur, die Stabilität und Beschränkung zugleich bedeutet. Der Stimmrechtsbindungsvertrag zwischen den Stiftungen und der RZB-Beteiligungsgesellschaft samt wechselseitigen Vorkaufsrechten sichert eine dauerhafte Kontrollmehrheit. Fünftens erwächst ein Kapitalallokationsrisiko aus der eigenen Stärke. Die Lücke zwischen aktuell rund 275 Prozent Solvenzquote und dem Zielband bis 230 Prozent erzeugt Erwartungen; der naheliegende Weg über Aktienrückkäufe ist jedoch faktisch versperrt, weil die Ermächtigung Käufe nur bis höchstens 15,- Euro je Aktie zulässt. Damit bleibt momentan nur M&A. Eine fehgeschlagene Integration wäre der teuerste denkbare Fehler. Der Aufbau rund um das Gesundheitsgeschäft ist kapitalintensiv: allein 180 Mio. Euro für den Neubau der Privatkliniken Confraternität und Goldenes Kreuz plus 65 Mio. Euro für die Erweiterung der Privatklinik Döbling. Ob aus dem strategisch überzeugenden Narrativ ein margenstarkes zweites Standbein wird, lässt sich derzeit von außen kaum prüfen.
Die Finanzen der UNIQA
Nachdem ich mir einen Überblick über die Branche im Allgemeinen verschafft sowie das Unternehmen, das Management und den Wettbewerb näher betrachtet habe, werfe ich einen Blick in die Bilanz und die daraus abgeleiteten Finanzkennzahlen der UNIQA. Der Fokus liegt hierbei auf den Aspekten Wachstum, Profitabilität und Solvabilität.
Zur Analyse der finanziellen Situation sehe ich mir im ersten Schritt die Entwicklung von Umsatz und Gewinn an. Im Durchschnitt wuchs der Versicherungsumsatz in den letzten fünf Jahren um 3,6 Prozent p.a., begründet unter anderem durch die IFRS-17-Umstellung 2023 sowie den Verkauf des Russlandgeschäfts 2024.

Beim Gewinn je Aktie erkennt man seit 2020 insgesamt eine sehr dynamische Entwicklung nach oben. Ziehe ich das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 heran, so stieg der bereinigte Gewinn je Aktie um 21 Prozent an (1,38 vs. 1,14 Euro). Die UNIQA erzielte 2025 einen Nettogewinn von 425 Mio. Euro.

Ein kritischer Blick auf die Verschuldungssituation zeigt, dass die zinstragenden Finanzverbindlichkeiten 1,4 Mrd. Euro betragen, denen zum Ende des Geschäftsjahres 2025 liquide Mittel und Wertpapiere von 0,7 Mrd. Euro gegenüberstehen. Daraus ergibt sich eine Nettoverschuldung von 0,7 Mrd. Euro.

Die Solvabilität der UNIQA entwickelt sich seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Die Gruppen-Solvenz-II-Quote setzt die anrechenbaren Eigenmittel ins Verhältnis zum Solvenzkapitalerfordernis (SCR); 100 Prozent ist die regulatorische Untergrenze. Die Solvency-II-Quote bewegt sich oberhalb des selbst gesteckten Zielkorridors von 180 bis 230 Prozent. In den letzten Jahren lag sie konstant über 250 Prozent:
- 2025: 275 %
- 2024: 264 %
- 2023: 255 %
- 2022: 246 %

Zuletzt betrachte ich die Profitabilität der UNIQA anhand der Entwicklung von operative Marge und Nettomarge. Seit dem Geschäftsjahr 2021 sieht man einen deutlich volatileren Verlauf im Margenprofil der Versicherungsgruppe im Vergleich zum Mitbewerber VIG. In den letzten fünf Jahren schaffte es das UNIQA-Management, die Netto-Marge um 70 Basispunkte zu steigern.

Aktuelle Bewertung der UNIQA-Aktie
Zwar bevorzuge ich bei der Bewertung von Unternehmen derselben Branche den sogenannten Enterprise Value (EV), doch ergibt dieser Schritt bei Versicherungen aufgrund der für dieses Geschäftsmodell typisch hohen Verbindlichkeiten gegenüber ihren Bestandskunden keinen Sinn. Genauso wenig zu gebrauchen sind allfällige Kennzahlen in Verbindung mit dem Free Cashflow. Der von Versicherungen erwirtschaftete Cashflow ist nicht so einfach zu ermitteln wie der von Produktions- oder Handelsunternehmen.
In Verbindung mit dem bereinigten KGV möchte ich für die Bewertungsanalyse von Versicherungen auf das Kurs-Buchwert-Multiple (Price-to-Book-Value) zurückgreifen. Grundsätzlich bedeutet ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von weniger als 1, dass das Unternehmen an der Börse weniger wert ist als sein Buchwert. Im Gegensatz dazu zeigt ein KBV von mehr als 1, dass der Markt den Wert des Unternehmens über seinem Buchwert bewertet. Wie bei jeder Daumenregel muss der unternehmensindividuelle Kontext in der Analyse jedoch vom sorgfältigen Investor mitgedacht werden. Als alleiniges Kriterium taugt das KBV allerdings nicht, weil die Kennzahl den wahren wirtschaftlichen Wert vieler Unternehmen nicht korrekt widerspiegelt. Versicherer und Banken werden mitunter über lange Zeiträume unter Buchwert gehandelt, obwohl die Unternehmen solide Gewinne erwirtschaften und gut kapitalisiert sind.
Bei der UNIQA liegt das KBV aktuell bei 1,7 – nahe dem historischen Höchststand. Im Jahr 2020 wurde die Aktie mit einem Multiple von unter 0,5 deutlich günstiger gehandelt als aktuell.

Der maximale Kursrückgang lag Ende 2020 bei rund 53 Prozent:

Im Zehnjahreszeitraum brachte ein Investment in die UNIQA-Aktie eine bemerkenswerte Gesamtrendite von rund 465 Prozent:

Die Kapitalallokation der UNIQA
In der Kapitalallokationsstrategie der UNIQA stehen die Dividende sowie Wachstumskapital für Akquisitionen in CEE und für die Gesundheitssparte im Mittelpunkt. Das Unternehmen bekennt sich zu einer progressiven Dividendenpolitik mit einer Zielausschüttungsquote von 50 bis 60 Prozent. Aktienrückkäufe spielen in der Kapitalallokation der UNIQA keine Rolle. Was existiert, ist eine Vorratsermächtigung: Die Hauptversammlung 2025 ermächtigte den Vorstand, im Zeitraum von 7. Dezember 2025 bis 6. Juni 2028 eigene Aktien im Ausmaß von bis zu 10 Prozent des Grundkapitals zu erwerben (zu einem Gegenwert von mindestens 1,- und höchstens 15,- Euro je Stückaktie).

Die UNIQA verfolgt grundsätzlich eine für Aktionäre attraktive Dividendenpolitik – zumindest, wenn die Ausschüttungshöhe als zentrales Kriterium herangezogen wird. Denn bei der Betrachtung der langjährigen Dividendenhistorie fällt auf, dass die UNIQA in Phasen externer Schocks (Finanzkrise 2008, Covid-Pandemie 2020 und 2021) die Dividende gestrichen oder deutlich gekürzt hat.

Bei einem aktuellen Kurs von 17,76 Euro errechnet sich eine Dividendenrendite von 4,1 Prozent auf Basis der letzten Dividende. Abschließend die Dividendenausschüttungen der letzten Jahre im Überblick:

Die jährlich ausgeschüttete Dividende beträgt aktuell 0,72 Euro je Aktie und wurde diesen Juni ausbezahlt. Ziehe ich den Durchschnittswert des Gewinns der letzten drei Jahre als Grundlage für die Ermittlung der Ausschüttungsquote heran, ergibt sich ein moderates Ergebnis von 52,3 Prozent für das Payout-Ratio.

