Wer in den letzten Wochen die Nachrichtenlage verfolgt hat, konnte kaum übersehen, was die Märkte derzeit treibt: geopolitische Eskalation im Nahen Osten, ein Ölpreis auf Achterbahnfahrt und ein VIX, der sich fest im Bereich jenseits von 25 etabliert hat. Für Optionshändler bedeutet das Stress – aber auch Chance. In dieser März-Analyse schauen wir uns genau diese drei Themen an und zeigen, wie man die hohe Volatilität strukturiert zu seinen Gunsten nutzen kann: mit Bear Call Spreads auf den VXX.
1. Erdöl: Vom Geopolitik-Schock zur Handelschance
Was Ende Februar 2026 begann, hat den Rohstoffmärkten einen historischen Schock versetzt. Koordinierte Luftangriffe auf iranische Infrastruktur – seitens der USA und Israels unter dem Decknamen "Operation Midnight Hammer" – haben die Straße von Hormus in ein Krisengebiet verwandelt. Durch diesen maritimen Engpass fließen täglich rund 20 % des weltweiten Ölangebots. Seit der Abriegelung durch Seeminen und Drohnenbedrohungen sind Tankerversicherungen in weiten Teilen ausgesetzt worden.
Der WTI-Rohölpreis schoss infolgedessen aus dem mittleren 60-Dollar-Bereich innerhalb weniger Handelstage auf über 100 USD – mit einem kurzen Spike nahe 120 USD. Seitdem beruhigt sich der Markt etwas: Händler nehmen Gewinne mit, und erste diplomatische Signale des Weißen Hauses lassen auf eine mögliche Deeskalation hoffen. Dennoch bleiben die Preise volatil und das Niveau erhöht.
Was bedeutet das für Optionshändler? Genau das, was wir bereits in der Januar-Analyse beschrieben haben: Hohe normalisierte Volatilität macht Prämien attraktiv – sowohl auf der Seite von Cash Secured Puts auf Aktien als auch bei Volatilitätsstrategien wie dem Bear Call Spread auf den VXX. Entscheidend ist aber: Zuerst die Marktlage verstehen, dann handeln.
2. Der OVX: Wenn Öl-Volatilität explodiert
Der OVX (CBOE Crude Oil ETF Volatility Index) ist das Pendant zum VIX – nur eben für Rohöl. Er misst die vom Markt erwartete 30-Tage-Volatilität, basierend auf Optionspreisen auf den USO ETF (der wiederum den NYMEX WTI-Future abbildet).
In normalen Marktphasen pendelt der OVX zwischen 25 und 35. Werte über 50 gelten bereits als außergewöhnlich hoch – typischerweise in Phasen wie dem Covid-Crash 2020 oder dem Russland-Ukraine-Schock 2022. Derzeit notiert der OVX bei über 100 – ein Niveau, das die letzten 52 Wochen deutlich in den Schatten stellt (52-Wochen-Tief lag bei 23,59).

Was ein OVX von 100 konkret bedeutet:
- Der Markt erwartet tägliche Kursschwankungen von ca. 3,0–4,5 % im Rohölpreis
- Optionsverkäufer erhalten extrem hohe Prämien – aber auch das Risiko ist entsprechend groß
- Direktionale Wetten auf Öl sind sehr gefährlich: Ein Headline-Tweet kann den Kurs in Minuten um 10 % bewegen
- Strukturierte Strategien – z.B. weite Bear Call Spreads oder Butterflys auf Öl-ETFs oder VXX (dazu gleich mehr) – sind in solchen Phasen sinnvoller als direktionaler Handel
Für Options-Stillhalter gilt: Der OVX über 100 ist ein zweischneidiges Schwert. Die Prämien sind verlockend hoch, aber das tatsächliche Risiko rechtfertigt keine ungesicherten Short-Positionen. Wer hier handelt, sollte ausschließlich mit klar definierten, begrenzten Verlustrisiken arbeiten – also mit Spreads statt mit nackten Optionen.
3. Der VIX: Der Angstindex im Krisenmodus
Parallel zum OVX hat auch der VIX – der klassische "Angstindex" für den S&P 500 – sein Niveau deutlich erhöht. Nachdem er Ende 2025 noch ein Jahrestief von 13,38 markiert hatte und der Markt in bester Laune war, hat sich das Bild seit Anfang März 2026 dramatisch gewandelt.

Der VIX liegt aktuell bei rund 24–26 – damit klar über der psychologischen Marke von 25, die von institutionellen Händlern als Übergang in ein "High-Volatility-Regime" gewertet wird. Ein VIX auf diesem Niveau signalisiert, dass der Markt tägliche Schwankungen von rund 1,5 % im S&P 500 einpreist.
Drei Szenarien, die den weiteren VIX-Verlauf bestimmen werden:
- Deeskalation im Nahen Osten: US-Marine sichert Tankerrouten, Straße von Hormus öffnet sich wieder → VIX-Rückgang Richtung 18–20 möglich
- Status quo / Eskalation auf niedrigem Niveau: VIX verbleibt im Bereich 22–28, Prämienumfeld bleibt attraktiv
- Ausweitung des Konflikts, iranische Gegenangriffe auf Ölinfrastruktur → VIX-Spike auf 35–40+ nicht auszuschließen
Für Optionshändler ist das mittlere Szenario am interessantesten: Ein VIX, der erhöht bleibt, aber keinen weiteren Spike produziert, ist ideal für das Shorten von Volatilität mit Bear Call Spreads. Die Prämien bleiben hoch und der Zeitwertverfall arbeitet für uns.
4. Volatilität shorten mit Bear Call Spreads auf den VXX
Direkt den VIX handeln geht nicht – er ist nur ein Index. Aber über den VXX, den iPath Series B S&P 500 VIX Short-Term Futures ETN, lässt sich die Volatilität indirekt handeln. Der VXX hält stets eine Long-Position in den ersten beiden VIX-Futures und versucht, eine durchschnittliche Laufzeit von 30 Tagen abzubilden.
Das Besondere am VXX ist seine strukturelle Schwäche im Zeitverlauf: Weil die VIX-Terminkurve die meiste Zeit in Contango liegt (d.h. hintere Kontrakte sind teurer als vordere), entstehen beim ständigen Rollen der Futures systematische Rollverluste. Der VXX kauft teuer und verkauft günstig – Tag für Tag. In ruhigen Marktphasen verliert der VXX dadurch kontinuierlich an Wert, was ihn zu einem attraktiven Short-Kandidaten macht.
Wichtige Einschränkung: Das gilt nicht in Krisenphasen mit Backwardation! Wenn Panik die Märkte beherrscht – wie aktuell – kann der VXX extrem schnell und weit ansteigen. Deshalb sollte man den VXX nie naked (ungedeckt) shorten. Der Bear Call Spread ist die smarte Alternative.
Ein Bear Call Spread auf den VXX besteht aus zwei Beinen:
- Short Call (verkauft): Ein Call mit einem Strike oberhalb/am aktuellen VXX-Kurs. Man erhält eine Prämie.
- Long Call (gekauft): Ein Call mit einem noch höheren Strike. Man zahlt eine kleinere Prämie, sichert aber das maximale Verlustrisiko ab.
Das Ergebnis: Man nimmt eine Nettoprämie ein (Differenz aus vereinnahmter und gezahlter Prämie), und das maximale Verlustrisiko ist auf den Abstand der Strikes minus Prämie begrenzt.
Beispiel-Trade (illustrativ, keine konkrete Handelsempfehlung):
- VXX aktuell ca. 33
- Laufzeit Mai mit 64 Tagen RLZ
- Short Call bei 33 gibt ca. $550 Prämie
- Long Call bei 63 kostet ca. $100
- Maximaler Gewinn: $450
- Maximaler Verlust: $3.000 ohne Prämieneinnahme
Bear Call Spreads auf den VXX sollten ausschließlich dann aufgesetzt werden, wenn der VIX bereits hoch steht – also nicht in ruhigen Marktphasen, wenn der VIX unter 20 liegt. Der Grund ist simpel: Bei einem niedrigen VIX können VXX und VIX noch stark steigen. Bei einem VIX von 25+ ist eine Rückkehr zur Normalität (Mean-Reversion) strukturell wahrscheinlicher, auch wenn das Timing unbekannt bleibt.
Die aktuelle Situation mit einem VIX von 24–26 und einem VXX deutlich über Normalniveau ist ein klassisches Umfeld für diese Strategie – aber mit klarem Risikomanagement:
- Nur Bear Call Spreads, keine nackten Short Calls
- Strikes weit genug aus dem Geld setzen, um kurzfristige Spikes zu verkraften
- Positionsgröße so wählen, dass ein maximaler Verlust das Konto nicht ernsthaft gefährdet
- Laufzeit nicht zu kurz: 4–12 Wochen geben dem Trade Zeit, sich zu entwickeln
- Trade aktiv beobachten: Bei erneutem Spike des VIX auf > 35–40 frühzeitig glattstellen
Fazit: Krise als Chance – mit klarem Kopf und begrenztem Risiko
Die März-Analyse zeigt einmal mehr, wie stark geopolitische Ereignisse die Märkte in kürzester Zeit bewegen können. Ein OVX über 100 und ein VIX jenseits von 25 sind kein Alltag – aber sie öffnen ein Zeitfenster für Optionshändler, das in ruhigen Phasen nicht existiert.
Die Werkzeuge, die wir in der Januar-Analyse vorgestellt haben – Cash Secured Puts auf gefallene Qualitätsaktien, gepaart mit dem Beobachten der Social-Media-Stimmung als Kontraindikator – gelten weiterhin. Ergänzend dazu bietet das aktuelle Umfeld eine attraktive Möglichkeit, mit Bear Call Spreads auf den VXX direkt von einer künftigen Normalisierung der Volatilität zu profitieren.
Das Wichtigste dabei: Begrenztes Risiko ist keine Option, sondern Pflicht. Wer bei einem VXX auf erhöhtem Niveau nackte Short Calls handelt, spielt russisches Roulette. Der Bear Call Spread hingegen erlaubt es, an der strukturellen Schwäche des VXX und der Mean-Reversion des VIX zu partizipieren – mit einem klar definierten Worst Case. Disziplin, Geduld und Positionsmanagement entscheiden. Wie immer.
