Der Markt ist ein strenger Lehrmeister – und doch scheinen viele Stillhalter seine Lektionen immer wieder zu ignorieren. Besonders eindrücklich zeigte sich dies während der Zuspitzung des Handelskonflikts im April: Der 7. April markierte den Höhepunkt der Verunsicherung an den Märkten. Die Volatilität schoss sprunghaft in die Höhe, und der VIX – der Maßstab für erwartete Schwankungen am US-Aktienmarkt – kletterte auf über 60 Punkte. Ein Niveau in diesem Ausmaß, das zuletzt in der Finanzkrise 2008 oder während des Corona-Crashs gesehen wurde. Für Stillhalter war dies eine Bewährungsprobe. Doch anstatt diese außergewöhnliche Marktphase als Chance zu begreifen, gerieten viele in ernsthafte Schwierigkeiten. Warum eigentlich?
Zwei Gesichter der Volatilität – Risiko und Chance zugleich
Steigt die Volatilität stark an, schnellen auch die Preise für Optionen in die Höhe – insbesondere bei Put-Optionen. Für jene, die in ruhigeren Zeiten (niedriger VIX) massenhaft Puts verkauft hatten, bedeutete dieser Anstieg herbe Buchverluste. In vielen Fällen folgten Margin Calls und zwangsweise Liquidationen, oft verbunden mit schmerzhaften Verlusten.
Gleichzeitig bietet ein solches Umfeld enorme Ertragschancen: Wer liquide ist und nicht überhebelt agiert, kann Puts zu stark erhöhten Prämien verkaufen. Selbst auf konservative Buy-and-Hold-Aktien wurden in dieser Phase Prämien von über 20 Prozent auf die mögliche Andienungssumme gezahlt – ein Traum für professionell aufgestellte Stillhalter.
Doch statt antizyklisch zu handeln, zogen sich viele zurück. Warum konnten so wenige von dieser Marktphase profitieren?
Die Fehlerkette: Gier in ruhigen Zeiten, Angst in der Krise
Der typische Zyklus vieler Stillhalter beginnt in Phasen niedriger Volatilität: Die Märkte steigen stabil, der VIX bewegt sich unter 15, und Put-Optionen erscheinen als risikolose Prämieneinnahmen. Monat für Monat verläuft erfolgreich – Positionen werden ausgebaut, Absicherungen vernachlässigt, der Einsatz gehebelt. Es fühlt sich sicher an, fast wie ein „sicheres Einkommen“.
Doch diese Sorglosigkeit rächt sich, sobald der Markt plötzlich dreht:
- der VIX explodiert
- Optionen steigen stark im Wert
- Broker erhöhen Margin-Anforderungen
- überhebelte Konten geraten in Schieflage
In dieser Stresssituation fehlt die Handlungsfähigkeit. Statt von hohen Prämien zu profitieren, müssen Positionen geschlossen werden – oft mit Verlust. Und noch paradoxer: Sobald sich die Märkte beruhigen und die Volatilität zurückgeht, steigt das Vertrauen wieder. Put-Optionen werden erneut aggressiv verkauft, häufig sogar in erhöhter Kontraktanzahl – just in dem Moment, in dem die Prämien wieder deutlich gefallen sind. So verpassen viele Stillhalter genau die Marktphasen, in denen sich ihre Strategie am meisten lohnt.
Was erfolgreiche Stillhalter anders machen
Professionelle Optionsverkäufer wissen: Der Schlüssel zum langfristigen Erfolg liegt nicht in der Maximierung der Einnahmen, sondern in der Minimierung des Risikos in Extremphasen. Das bedeutet:
1. Diszipliniertes Risikomanagement
Vermeidung überhöhter Hebel und ein konsequentes Kapitaleinsatzmanagement sind essenziell. Wer nicht überhebelt, kann auch in Phasen erhöhter Volatilität handlungsfähig bleiben.
2. Antizyklisches Denken
In Panikphasen wie bei einem VIX von 50 oder mehr bieten sich besonders attraktive Prämien. Wer vorbereitet ist, kann in diesen Momenten gezielt und mit hohem Chance-Risiko-Verhältnis Optionen verkaufen. Außerdem sollte man ATM-Optionen wählen (dazu gleich mehr!).
3. Absicherung als Grundprinzip
Hedging durch Spreads oder der Einsatz von Volatilitätsprodukten können helfen, das Risiko in extremen Marktsituationen zu kontrollieren.
4. Psychologische Stärke
Sich nicht von Gier leiten zu lassen, wenn alles ruhig ist – und nicht von Angst, wenn die Märkte toben: Das unterscheidet erfolgreiche Stillhalter von jenen, die in jeder Krise scheitern.
Diese vier Prinzipien bilden das Fundament für nachhaltigen Erfolg als Stillhalter. Wer sie konsequent umsetzt, wird nicht nur volatile Marktphasen überstehen, sondern sie aktiv zu seinem Vorteil nutzen. Gerade in turbulenten Zeiten trennt sich die Spreu vom Weizen – und jene, die vorbereitet und diszipliniert agieren, können langfristig ein stabiles Einkommen aus dem Optionsverkauf erzielen.
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Falsche Optionen! Warum at-the-money Optionen oft die bessere Wahl sind
Viele unerfahrene Stillhalter neigen dazu, weit aus dem Geld liegende (OTM) Put-Optionen mit kleinem Delta zu verkaufen – in der Hoffnung, möglichst risikolos kleine Prämien „einzusammeln“. Doch dieser Ansatz birgt erhebliche Risiken, die auf den ersten Blick oft unterschätzt werden. Denn gerade Optionen mit kleinem Delta reagieren bei Volatilitätssprüngen überproportional stark – ein Effekt, den man durch die normalisierte Volatilität erklären kann:
Beispiel:
Eine ATM-Option kostet $ 5 bei einem Vega von 0,20. Eine 1 %-Veränderung in der impliziten Volatilität bewirkt damit eine Preisänderung von $ 0,20, also 4 % des Optionspreises.
Eine weit OTM liegende Option kostet dagegen vielleicht nur $ 0,50 – hat aber immer noch ein Vega von 0,05. Dieselbe 1 %-Volatilitätsänderung bewirkt hier einen Preisaufschlag von $ 0,05, also satte 10 % des Optionspreises.
Das bedeutet: In Stressphasen steigen gerade die relativen Verluste bei kleinen Deltas deutlich stärker an als bei Optionen mit höherem Delta. Ein reales Beispiel: Ein Delta-10-Put auf AMZN mit einer Prämie von $ 120 stand mit -441 % im Verlust. Hätte man stattdessen einen Delta-30-Put mit einer Prämie von $ 480 verkauft, wäre der Verlust zwar ebenfalls hoch, aber „nur“ -250 %. Der absolute Verlust wäre geringer – und vor allem besser kalkulierbar.
Das Learning: Anstatt viele kleine Delta-Trades einzugehen, ist es oft sinnvoller, selektiv größere Deltas zu verkaufen. Diese Optionen bringen nicht nur höhere Prämien, sondern sind durch ihre geringere prozentuale Reaktion auf Volatilitätssprünge robuster.
Trotzdem haben OTM-Optionen in bestimmten Hedging-Strategien ihre Berechtigung – vor allem dann, wenn man bewusst auf stark steigende Volatilität setzt. Denn das normalisierte Vega kann in diesem Zusammenhang gezielt genutzt werden. Doch für den klassischen Stillhalter, der auf Zeitwertverfall und kontrolliertes Risiko setzt, bleibt der strukturierte Verkauf von ATM-Optionen die bessere Wahl: Höhere Prämien, besseres Risiko-Rendite-Verhältnis – und geringere Überraschungen im Ernstfall.
Verantwortung übernehmen – keine Ausreden bei Verlusten
Ein zentraler Denkfehler vieler gescheiterter Stillhalter liegt in der Suche nach externen Schuldigen: „Wer konnte schon wissen, dass eine Pandemie ausbricht?“ oder „Trump hat mit seinen Zöllen alles ruiniert!“ – solche Aussagen hört man oft. Doch die Wahrheit ist: Solche Ereignisse gehören zum Wesen des Marktes. Unvorhersehbare Krisen, politische Entscheidungen, Naturkatastrophen – sie sind keine Ausnahmen, sondern Teil des kalkulierbaren Gesamtrisikos. Wer mit Optionen handelt, weiß (oder sollte wissen), dass der Markt jederzeit heftig reagieren kann.
Professionelle Händler übernehmen deshalb volle Verantwortung für ihre Strategien. Sie planen nicht für das Normalszenario, sondern für das Extrem. Wer dagegen bei Verlusten Ausflüchte sucht, zeigt letztlich nur, dass es an Vorbereitung, Disziplin oder Risikobewusstsein gemangelt hat. Der Markt verzeiht keine Nachlässigkeit – aber er belohnt jene, die vorbereitet sind. Harte, aber ehrliche Sätze.
Fazit: Lernen aus der Volatilität – oder daran scheitern
Der Markt hat sich seit April wieder erholt. Die Volatilität ist gesunken, der VIX notiert deutlich unter den Panikwerten. Das sind grundsätzlich positive Signale. Doch für den erfolgreichen Verkauf von Put-Optionen ist nicht die Ruhephase entscheidend – sondern die Fähigkeit, genau in den Phasen höchster Unsicherheit aktiv zu bleiben.
Denn genau dann sind Optionen teuer – und genau dann werden Stillhalter für ihr Risiko am besten entlohnt. Wer diese Chance aus Angst oder wegen schlechter Vorbereitung nicht nutzen kann, verpasst den Kern des Geschäftsmodells.
Die wichtigste Lektion lautet daher: Nicht das Kassieren von Prämien entscheidet über Erfolg oder Misserfolg – sondern das Überleben der Extremsituationen.
